Wie geht "Konsolen-Start" im Zeitalter von Corona?

Die Corona-Krise verändert vieles. Auch im Games-Bereich. 2020 werden Spiele im Home-Office entwickelt, ersetzen Online-Streams die gute alte Live-Show vor (Messe-)Publikum und triumphieren Wohlfühl-Games wie "Animal Crossing" gerne mal über brutales Kettensägen-Rasseln. Eine wichtige Lehre der Krise scheint die hier zu sein: Gezockt wird immer – und wenn der mutmaßliche Weltuntergang vor der Tür steht, dann gleich doppelt so enthusiastisch. Nur: Gilt diese Erkenntnis auch für den anstehenden Next-Gen-Launch? Kann man im Jahr von Social-Distancing, sich zuspitzender Klima-Krise, US-Wahl und "Black lives matter"-Unruhen eine neue Videospiel-Hardware verkaufen? Und wenn ja – wer von den beiden Nebenbuhlern Sony und Microsoft verkauft dann mehr? Wer findet zwischen unberechenbarem Kunden-Gemüt und Apokalypsen-Stimmung den richtigen Ton?
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Modell- statt Preisschraube
In den vergangenen Wochen haben wir gelernt, wie beide Hersteller dieses Kunststück zu meistern gedenken: Zum Beispiel mit (gerade während Corona-Zeiten) stattlichen 500 Euro für das jeweilige Premium-Modell der neuen Geräte-Familie. Oder einer günstigeren kleinen Schwester als Ausweich-Option – für den etwas weniger prallen Geldbeutel. Für den Fall eines preisbewussten Kaufs muss der potentielle Käufer allerdings mit einer (teils drastisch) abgespeckten Ausstattung leben: So verspricht Microsofts "Series S"-Ausführung mit 300 Euro ein echtes Schnäppchen – dafür sollten Käufer der Nice-Price-Box aber bereit sein, auf die halbe SSD-Festplatte (500 GB anstelle von einem TB), die Futterluke für optische Medien und – das tut am meisten weh – ein gutes Stück der Performance zu verzichten, mit der Microsoft sein neues Flaggschiff so gerne anpreist. Von wegen "leistungsstärkste Konsole aller Zeiten" und so. Dass der Windows-Konzern spätestens seit der "Xbox One X" so vehement auf Performance setzt, ist vermutlich dem Trauma vom Beginn der letzten Konsolen-Generation geschuldet: 2013 macht Microsoft mit der ursprünglichen Xbox One eine Bauchlandung, weil sich die User lieber der mit stärkeren Grafikbausteinen gesegneten (und obendrein günstigeren) PS4 widmen. Dieses Trauma soll sich nicht wiederholen.

Wer hat das stärkere Zugpferd?
Wer bei der kommenden Konsolen-Generation Hardware-seitig aber tatsächlich vorne liegt, ist noch lange nicht klar: Wenn es um schiere Geschwindigkeit und die für Grafikberechnungen wichtigen TeraFLOPS geht, dann hat die Series X zwar nicht signifikant, aber immerhin merklich (zwölf gegenüber 10,28 TeraFLOPS bei der PS5) die Nase vorn. Allerdings verweisen einige Entwickler (darunter "Unreal Engine"-Macher Epic Games) schon auf einen möglicherweise entscheidenden Sony-Vorteil: die schnellere SSD-Platte, die (das neue "Ratchet & Clank"-Abenteuer macht's eindrucksvoll vor) ganze Spielwelten in Sekundenbruchteilen auf die Mattscheibe schaufelt. Bye bye, liebe Ladepause.

Sony hat den Vorteil der klareren Marken-Kommunikation

Die mutmaßlichen PS5-Vorzüge genießen übrigens auch solche Kunden, die das hundert Euro günstigere "digitale" Modell kaufen: Mit 400 Euro ist die Spar-Version der neuen Sony-Konsole zwar immer noch teurer als Microsofts "Series S" – aber dafür kann sie offenbar genau das, was auch ihr großer Vollpreis-Bruder hinkriegt. Einzige Einschränkung: kein optisches Laufwerk. Blurays und DVDs müssen leider draußen bleiben. Für Spieler, die gerne auf physische Medien verzichten und eine entsprechend flotte Internet-Leitung haben, ist die "kleine PS5" deshalb aktuell der beste Preis-Leistungs-Deal der Next-Gen.

Die Was-weiß-ich-Box
Obendrein hat Sony weiterhin den Vorteil der klareren Marken-Kommunikation: Während Sony-Kunden einfach eine "PS5" oder PlayStation 5 ordern, verwirrt Microsoft inzwischen mit einem undurchsichtigen Dschungel aus Generationen- und Typen-Bezeichnungen. Hatte man bei der "Xbox One"-Generation wenigstens noch eine überbordende Gerätefamilie, gibt es jetzt "Series X" und "Series S" – ratlos in die Warenauslagen starrende Eltern sind da vorprogrammiert. Denn wie heißt die neue Xbox-Generation jetzt eigentlich? "Series"? Oder einfach nur "Xbox"? Auch für Journalisten ist die unklare Namensgebung der neuen Xbox-Welle eine Herausforderung: Listet man dann künftig bei den kompatiblen Systemen "Xbox One", "Series X" und "Series S" auf? Oder schreibt man schlicht und ergreifend "Xbox"? Oder kürzt man mit "XSX" bzw. "XSS" für "Xbox Series X" und "Xbox Series S" ab? Unwahrscheinlich, dass die Namensgebung von begnadeten Marketing-Experten kommt – sie klingt eher nach einer Bürokraten-Schöpfung.

Immerhin scheint es laut aktueller Microsoft-Politik keine Titel zu geben, die nur auf dem Next-Gen-Gerät laufen: Ob Drittanbieter-Spiel oder Xbox-native Entwicklung – dank "Smart Delivery"-Feature laufen alle Spiele auf jeder seit 2013 erhältlichen Xbox, und das in der jeweils besten Version. Im Idealfall heißt das: Wer das neue "Assassin's Creed" im November noch für seine Xbox One kauft, der kann später kostenlos auf die schickere Fassung updaten, wenn er auf die Series X oder S hoch rüstet. Vorausgesetzt natürlich, der jeweilige Drittanbieter – in diesem Fall Ubisoft – zieht mit. Denn "Smart Delivery" ist nach aktuellem Erkenntnisstand nicht verpflichtend. Vielleicht deshalb verzichtet Sony gleich ganz auf einen derartigen Marketing-Kunstbegriff.

Das 1080p-An­häng­sel sind wir wohl noch lange nicht los

Microsoft gibt sich offen
Ähnliches beim Thema Abwärtskompatibilität: Auf der PS5 lassen sich offenbar standardmäßig auch PS4-Games bespielen – aber Microsoft wirbt mit gleich Generationen-übergreifendem Spielvergnügen. Von Series X bzw. S bis abwärts zur Ur-Xbox. Wie genau das abläuft, ist zwar unklar – aber als Werbe-Slogan macht es eine Menge her. Denn immer weniger Gamer sind – grassierendem Retro-Trend zum Trotz – dazu bereit, ihr Hifi-Regal zu erweitern, um alle Hardware-Generationen parallel zu betreiben. Und dann womöglich auch noch einen alten Röhren-TV aufzubauen. Ergo: Abwärts ist in.

Indes: Kostenlose Generationen-Upgrades bei Exklusiv-Titeln und eine Rückschau des Software-Katalogs lohnen sich nur dann so richtig, wenn es auch eine stattliche Menge an System-relevanten Klassikern gibt – und genau hier ist Microsoft nach wie vor im Nachteil. Einst florierende Marken wie "Halo" oder "Fable" hat man während der auslaufenden Generation systematisch gegen die Wand gefahren – und jetzt, da man dringend ein paar Zugpferde bräuchte, fehlen sie. Während Sony seine Fans entspannt mit "Ratchet & Clank: Rift apart", einem "Horizon"-Nachfolger und sogar einem neuen "God of War" verführt, hat man bei Microsoft für den einzigen potentiellen System-Seller mehr Prügel als Lob kassiert – und "Halo Infinite" dann prompt nach hinten verschoben. Mit dem überraschenden Hinweis, dass es – wider ursprünglicher Ankündigung – vielleicht doch ein Series-X/S-Exclusive werden könnte. Denn ein Spiel, dass auch noch auf der ursprünglichen Xbox One laufen soll, kann schwerlich nach Next-Gen aussehen. Das schwächste Hardware-Glied bremst immer aus – darum wird es umso interessanter zu beobachten, wie der Konzern mit der "Series S" als möglichem Next-Gen-Hemmschuh umzugehen gedenkt. Schlimmstenfalls verbeißt sich die garstige, kleine S im muskelstrotzenden Hinterlauf des X-Biests und hindert es daran, ungezähmt nach vorne zu preschen. Denn dass es bei der Next-Gen-Performance nicht nur um 4K geht, dürfte inzwischen fast jeder begriffen haben: Im Zweifelsfall werden die System-Ressourcen noch immer genutzt, um ein visuell aufwendigeres Szenario bei möglichst hoher und konstanter Framerate zu ermöglichen. Das 1080p-Anhängsel sind wir wohl noch lange nicht los. Und weil in vielen Gamer-Haushalten noch immer ein Full-HD-Bildschirm an der Wand hängt, ist das vielleicht auch gar nicht so schlimm.

Mit Streams bewirbt man keinen Grafik-Vorsprung
Den Performance-Vorsprung der anrollenden Generation zu bewerben, fällt den Herstellern in Corona-Zeiten sowieso schwer: Wegen oft verpixelter Streams und Video-Aufzeichnungen können die neuen Maschinen ihren 4K- und Detail-Vorteil nicht richtig ausspielen. Der für die Einführung einer neuen Hardware-Epoche sonst übliche Live-Faktor, bei dem Journalisten und potentielle Kunden die neuen Artefakte vor Ort bestaunen können, fehlt in der Corona-Zeit – dementsprechend ist die für einen bevorstehenden Next-Gen-Launch sonst typische Magie futsch. Nüchterne Angebote wie Microsofts erfolgreicher Abo-Game-Pass oder kostenlose PlayStation-Plus-Hits beim PS5-Kauf sollen stattdessen praktische Argumente liefern. Ein guter Deal statt Next-Gen-Zauber: in Zeiten von Corona vielleicht notwendig. Denn wer online kauft, der kauft meist nüchtern und von praktischen Gründen getrieben – schließlich ist der eigene Kontostand nur einen Browser-Tab weit entfernt.

Microsoft kauft ein, Sony entwickelt selber
So oder so wird mittel- bis langfristig wie gewohnt der exklusive Software-Katalog entscheiden: Microsoft bemüht sich gerade darum, durch strategische Zukäufe wie den von Bethesda das bisherige Drittanbieter-Angebot auszudünnen und stattdessen exklusiv an die eigenen Plattformen – Xbox und Windows – zu fesseln. Im Moment ist das noch nicht von großer Relevanz, denn Rollenspiel-Experten wie die von Obsidian oder ZeniMax brauchen noch ein paar Jahre, bis sie ihre nächsten Kolosse in Stellung bringen. Im Grunde tut Microsoft damit das einzig Sinnvolle, das man – abgesehen von der Konzeption einer starken Hardware – überhaupt noch tun kann: Weil man selber nicht sonderlich gut darin ist, Software-Marken aufzubauen oder zu pflegen, kauft man sie woanders ein. Ob man imstande ist, Franchises wie "Fallout", "The Elder Scrolls" oder "Doom" so zu hegen, wie es bei dem ehemals unabhängigen Anbieter Bethesda der Fall war, wird sich zeigen. Günstigstenfalls sehen diese Marken mit der prallen Kriegskasse von Microsoft bald besser aus denn je – schlimmstenfalls enden sie ebenso wie Rare oder Lionhead in der Bedeutungslosigkeit und drehen sich die ehemaligen Singleplayer-Marken bald im Service-Game-Karussell.

In diesem Fall hat man wenigstens dafür gesorgt, dass der Gegenspieler von diesen Marken ebensowenig profitieren kann. Monopolismus-Taktik ist zwar langweilig und wenig sympathisch, aber manchmal effektiv. Zumindest für eine Weile. Denn langfristig kann sie die Kultur und Diversität eines Mediums beschädigen oder gar ruinieren. Eines Mediums, das Sony nach wie vor besser versteht – nur, dass der PlayStation-Hersteller trotz seines anhaltenden Erfolgs im Spielegeschäft für Firmenübernahmen in Milliarden-Höhe weniger Kapital haben dürfte: 7,5 Milliarden Dollar hat Microsoft sich die ZeniMax/Bethesda-Übernahme kosten lassen – mehr als Disney für "Star Wars" und Facebook für Oculus VR gelatzt hat. Oder Microsoft selber für "Minecraft". Allerdings würde eine derartige Elefanten-Eintreibung (von einer "Hochzeit" kann man schwerlich reden) vielleicht auch gar nicht zu Sony passen: Der PlayStation-Konzern, der 1995 selber als Quereinsteiger überraschend auf der Videospiel-Agenda erschien, ist inzwischen ein lupenreiner Konsolist – mit allem, was dazugehört. Und als dieser baut er lieber selber kreative Kompetenzen auf statt sie einfach für sich zu vereinnahmen.

Monopolismus-Taktik ist wenig sympathisch, aber manchmal effektiv

Wird der Abstand schrumpfen?
Gut möglich, dass es Sony während der nächsten Generation nicht mehr schafft, mit so großem Abstand davon zu preschen wie bei der gerade auslaufenden. Vielleicht wird eine in der Corona-Ära und deshalb eher leidenschaftslos gestartete Konsolen-Generation stärker von nüchternen Angeboten wie Game Pass oder strategischen Marken-Manövern geprägt als das bisher der Fall war. Aber das sind die Überlegungen eines Konzerns, der aus dem PC- und Anwender-Geschäft kommt. Der es gewöhnt ist, mithilfe von finanziellen Muskelspielen und durch die Schaffung eines Alternativen-Mangels zu gewinnen.

Aber vielleicht sind auch in den Jahren 2020 und 21 eigens auf das jeweilige System zugeschnittene, handverlesene Liebhaber-Inhalte wichtiger als dröge Strategie und Abo-Angebote. Inhalte, die echte Begeisterung für das Medium Videospiel vermitteln. Und die einen so tief in alternative Welten abtauchen lassen, dass man die – manchmal ganz schön niederschmetternde – Realität für ein paar Stunden ausblenden kann. "Next Gen" – das muss mehr sein als eine abstrakte Bündelung von Cloud-Diensten, Abonnements, wahllos zusammengeraffter Marken und irgendwo zufällig dazwischen angesiedelter Abspiel-Kisten. (Robert Bannert)

IGM 13/20
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