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Business News

Beruf: Panik-Macher

Ein Kommentar von Petra Fröhlich
 
Experten und ganze Wirtschaftszweige leben hervorragend davon, gezielt Ängste zu schüren und mit möglichst furchteinflößenden Zahlen für Panik zu sorgen.

Seit kurzem haben wir wieder einen Igel zu Gast auf der Terrasse. Man kann beinahe die Uhr danach stellen: Kurz nach 21:30 Uhr, spätestens im Verlauf des Heute-Journals, steht der Kollege auf der Matte und atmet das bereitgestellte Futter weg. Die stacheligen Gesellen sind in unseren Breitengraden hervorragend beleumundet – mit seinem Schnäuzlein, dem flauschigen Unterboden und dem völlig überzogenen Ruf als Schneckenjäger hat sich der Igel in die Herzen und Kinderbücher gearbeitet. Igel gelten als niedlich, nützlich, schüchtern, schutzbedürftig, gar als gefährdet – Naturschutzverbände und andere Lobby-Gruppierungen trommeln für igelfreundliche Gärten, im Baumarkt werden regelrechte „Igelburgen“ zum Stückpreis von 50 Euro angeboten.

Einen ungleich schlechteren Ruf genießt die optisch nicht wahnsinnig weit entfernte Ratte, die erst durch Disneys Ratatouille einen geringfügigen Image-Wandel hingelegt hat. Trotzdem ist die Ratte an und für sich immer noch eher mit negativen Assoziationen belegt – vom „Rattenfänger“ über den „Rattenschwanz“ als Aneinanderreihung lästiger Aufgaben bis hin zu den Ratten, die das sinkende Schiff verlassen. Als mir kürzlich nach Einbruch der Dämmerung ein solches Tier im Vorgarten über den Weg lief, klingelten sofort sämtliche Alarmglocken: Mag sein, dass es sich um ein Zufalls-Aufeinandertreffen mit einer auf der Durchreise befindlichen Wanderratte handelte, doch vor meinem geistigen Auge erwachten Kupferstiche mittelalterlicher Pest-Epidemien zum Leben. Kurzum: Noch am selben Abend füllte sich mein Amazon-Warenkorb mit den bestbewerteten Kampfstoffen.

Dabei fiel mir auf, dass die Ratte im Gegensatz zum Igel nicht besonders viele Fürsprecher hat, im Gegenteil: Eine ganze Industrie verdient offenkundig fürstlich an perfiden Nager-Hinrichtungsmaschinen. In den Beschreibungen wird detailliert aufgelistet, welche Bedrohungen von diesem Tier ausgehen, inklusive Hochrechnung der exponentiellen Vermehrungsraten. PR-technisch läuft's für den Igel also richtig super, für die Ratte eher katastrophal.

Das gezielte Bedienen von Ängsten durch „Fakten“ und Statistiken zielt natürlich in erster Linie auf Umsatz-Steigerung – das gilt für Rattenfallen genauso wie für Riester-Verträge (Altersarmut!), Vitamin-Präparate, einbruchsichere Fenster oder auch Impfungen gegen die (fraglos gefährlichen) Zecken. Raten Sie doch mal, wer die redaktionell daherkommende Website www.zecken.de („Das Infoportal“) betreibt, auf der die Segnungen einer Zecken-Impfung gepriesen werden? Der Pharma-Konzern Pfizer. Kannste dir nicht ausdenken.

Oder nehmen wir den Hirnforscher Manfred Spitzer, der mit großem Erfolg Mehrzweckhallen und Talkshows bespielt. Spezialität des Hauses: Internet, Computerspiele, soziale Netzwerke und Fernsehen machen doof, dick, abhängig, unglücklich und sind tendenziell tödlich, in ungefähr dieser Reihenfolge. „Vorsicht Bildschirm“, „Digitale Demenz – Wie wir und unsere Kinder um den Verstand bringen“, „Cyberkrank – Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ oder „Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft“ – so lauten die Titel seiner Werke, die regelmäßig ganz oben in den Bestsellerlisten zu finden sind. Kritiker werfen ihm vor, er würde wissenschaftliche Studien so auswählen und zurechtbiegen, dass sie zur „Digital ist doof“-Propaganda passen. Schlichtweg dadurch, indem er Zahlen aus dem Zusammenhang reißt, kreativ interpretiert und wesentliche Details unter den Tisch fallen lässt. Der Beifall seines technologie-skeptischen Publikums ist ihm gewiss.

Wie gesagt: Zuspitzung, Panikmache, Angst. Durchschaubar, aber erwiesenermaßen wirkungsvoll. Spitzers Thesen finden millionenfach Gehör, im TV, im Buchhandel, auf Podien. Wie reagieren  Digital-Lobbyisten auf sein Wirken? Mit gezieltem Ignorieren. Ohnehin hat sich in den vergangenen Jahren die Tonalität in der Kommunikation recht grundlegend verändert, mindestens beim game-Verband. Die Schärfe ist raus – selbst wilde Attacken wie jüngst von DFB-Präsident Grindel (der beklagte, Videospiele trügen zu einer „absoluten Verarmung“ von Kindern bei) werden mit dem Hinweis abmoderiert, dass „einige Verantwortliche ihre Vorurteile anscheinend noch überwinden müssen.“ Dabei erinnert sich noch die halbe Games-Branche mit Schaudern an eine Phase, als ein ganzer Wirtschaftszweig unter dem Kampfbegriff „Killerspiel“ gebrandmarkt wurde – eine Vokabel, die sich hartnäckig hält und nun wieder in einer offiziellen DFB-Pressmitteilung auftaucht. Dass der Begriff überlebt hat, liegt auch daran, dass die deutsche Spiele-Lobby damals zu schwach, zu leise, manche sagen: zu feige war, um rechtzeitig und wahrnehmbar Contra zu geben. Wie bei einem Igel, der sich einfach zusammenrollt und hofft, die Bedrohung möge vorüberziehen.

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