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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Adwo/stock.adobe.com
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Von wegen Wüste

Südamerika ist für viele Branchenvertreter immer noch eine terra incognita,
ein weißer Fleck auf der Games-Landkarte. Doch die Lage ändert sich: Gerade in den dynamischen Volkswirtschaften des Kontinents werden immer mehr Spiele produziert, die auf globaler Ebene mithalten können. IGM hat sich die chilenische Games-Landschaft angeschaut – und einige bemerkenswerte Akteure entdeckt.

Atlas lässt aus Versehen die Erde fallen. Und hebt stattdessen den Fels von Sisyphos auf. Dann fällt er mitsamt des Felsens selbst auf die Erde – und kämpft dort gegen eine Reihe historischer Figuren und Sagengestalten, darunter Hercules, Vincent Van Gogh, Don Quixote, Baba Yaga, Napoleon und eine brennende Giraffe. Atlas besiegt sie, indem er den Felsen durch ihre Verteidigungsanlagen rollt. Und dabei alles plattwalzt, was ihm in den Weg kommt.

Der gute Atlas hat ganz ordentlich einen an der Murmel, so viel steht fest. Rock of Ages II: Bigger & Boulder (2017) scheint der Fantasie von Monty Python entsprungen: Es wirkt, als hätten die britischen Komiker ihre Flying-Circus-Zwischensequenzen geradewegs in ein Computerspiel umgewandelt. Doch Rock of Ages II stammt nicht etwa von der britischen Insel, sondern aus... Chile. Die Macher, das Studio ACE Team aus der Hauptstadt Santiago, produzieren seit rund zehn Jahren höchst extravagante Spiele. "Einige unserer originellsten Games – zum Beispiel Zeno Clash und Rock of Ages – sind stark von der Kultur Großbritanniens beeinflusst", erläutert Mitgründer Carlos Bordeu. "Der Punk-Fantasy-Stil von Zeno Clash beispielsweise stammt von John Blanche, der in den 1980ern als Illustrator für das Magazin White Dwarf arbeitete. Rock of Ages ist stark von Monty Python beeinflusst. Die Story von Abyss Odyssey spielt definitiv in Chile, aber der Jugendstil des Spiels stammt aus Europa." Am Markt sind die bizarren Games durchaus erfolgreich, vor allem Rock of Ages II habe sich gut verkauft, so Bordeu. Doch abgesehen vom ACE Team ist die chilenische Games-Industrie noch weitgehend unbekannt. Das allerdings könnte sich bald ändern, wie unser Überblick zeigt...

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Stark von der Kultur Großbritanniens beeinflusst
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Solide Basis
Die Basis für eine Games-Produktion ist jedenfalls solide. Zwar ist der Binnenmarkt mit rund 17,6 Millionen Einwohnern relativ klein. Doch gerade kleine Ländern sind oft gezwungen, ihre Produktion international auszurichten – und das hat häufig, man denke nur an Skandinavien, einen positiven Einfluss auf die Markttauglichkeit der Games. Ohnehin war Chiles Blick immer schon stark aufs Ausland gerichtet: Die exportstärkste Nation Südamerikas führt vor allem Kupfer und landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Wein, Holz und Fischereiprodukte aus. Der Export hat Chile zu einem gewissen Wohlstand verholfen: Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ist es sogar das reichste Land des Kontinents. Die vergleichsweise stabile Wirtschaft dürfte gerade für Investoren ein besseres Umfeld bieten als die von notorischen Krisenstaaten. Die Geographie des Landes mag extrem wirken, denn Chile erstreckt sich über 4275 Kilometer in Nord-Süd-Richtung entlang der Anden und des Pazifik, ist aber im Durchschnitt nur 180 Kilometer breit. Doch gerade der Ballungsraum um die Hauptstadt Santiago (7,1 Mio. Einwohner) bietet einen guten Boden für Startups. Wie sieht die chilenische Games-Landschaft aus?

Blicken wir dafür kurz zurück. Im August 2018 hatte Chile seinen bislang größten gamescom-Auftritt – mit Studios wie Niebla Games (Causa: Voices of the Dusk), AOne Games (Omen of Sorrow) und Battlemango (Viking Hunters). "Wir sind jetzt zum dritten Mal in Folge auf der gamescom", so Diego Torres, Direktor von ProChile Deutschland, der deutschen Dependance des chilenischen Exportförderungsbüros. "Wir haben 2016  begonnen und sind jedes Jahr gewachsen – nicht nur bei der Ausstellungsfläche, sondern auch, was die Anzahl der Teilnehmer betrifft. Dieses Jahr sind wir mit zwölf Spielefirmen vertreten, was vielleicht wenig erscheint, aber dann doch relativ viel ist, wenn man bedenkt, dass es in Chile nur 55 Spielefirmen gibt." Die Industrie sei noch relativ jung, befinde sich aber gerade deshalb in einer sehr dynamischen Entwicklungsphase, so Torres. Einer Studie ("Checkpoint") zufolge haben 70,3 Prozent aller chilenischen Studios ihren Sitz in der Metropolregion Santiago. 21,6 Prozent befinden sich im Einzugsgebiet der Küstenstadt Valparaíso, der Rest verteilt sich auf einige kleinere Städte. Die starke Zentralisierung des Landes spiegelt sich auch in den Handelsstrukturen wider: Die größten Retailer – ZMart, Weplay und Microplay – betreiben den Großteil ihrer Filialen in der Hauptstadtregion. Wer in Chiles schwach bevölkertem Süden, auf den Osterinseln oder am Rande der Atacama-Wüste Games kaufen will, ist auf eine gute Internetverbindung angewiesen.

Bescheidener Gesamtumsatz
Rund 85 Prozent aller heimischen Games-Firmen haben sich in der Asociación Gremial Chilena de Empresas Desarrolladoras de Videojuegos (VG Chile) zusammengeschlossen. Dem Verband zufolge sind die wichtigsten Absatzmärkte Chile selbst (35,9 %), Nordamerika (30,8 %), Westeuropa (15,4 %) sowie Süd- und Mittelamerika (12,8 %). Der Gesamtumsatz der chilenischen Studios ist vergleichsweise bescheiden: Gerade mal 5,8 Millionen US-Dollar flossen 2017 in ihre Kassen, deutlich weniger als noch im Vorjahr. Einer der Hauptgründe: Die beiden größten chilenischen Studios – Behaviour Santiago und DeNA – mussten schließen, weil ihre Mutterfirmen Chile verließen. Viele ehemalige Mitarbeiter gründeten daraufhin eigene Studios oder schlossen sich bestehenden Firmen an. Die meisten Games-Entwickler des Landes sind denn auch eher klein oder bestenfalls mittelgroß: Selbst das legendäre ACE Team beschäftigt nur 15 feste Mitarbeiter. Produktiv sind die Studios aber allemal: 2017 begannen sie 154 neue Games-Projekte; 115 wurden fertiggestellt. Insgesamt arbeiteten Ende 2017 rund 300 Personen in der Branche. Wichtigstes Consumer-Event ist FestiGame im August in Santiago.

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Große Entfernung zu den wichtigsten Conventions und Events
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Eines dieser Studios ist IguanaBee aus Santiago. Gegründet wurde es 2011, heute beschäftigt es 13 Mitarbeiter. "Wir gestalten unsere Produkte mit viel Liebe zu Kunst und Technologie – das zeichnet uns aus", sagt Mitgründer Daniel Winkler. "Unsere Spieler sollen diese Magie spüren. Das motiviert uns zutiefst und befeuert unsere Leidenschaft." Im Juli 2018 hat IguanaBee die Early-Access-Version des Party-Games Headsnatchers fertiggestellt, eine Art Rugby mit Avatar-Köpfen. Publisher des Spiels ist Iceberg Interactive, die Konsolenfassung soll 2019 folgen. Weitere Projekte sind bereits bei IguanaBee in Arbeit. "Wir teilen die Philosophie von Gusteau aus dem Film ‚Ratatouille': Jeder kann kochen – oder abgewandelt: Jeder kann Spiele designen", sagt Winkler. "Wenn eines unserer Team-Mitglieder mit einer exzellenten Spielidee ankommt, dann gehen wir die gründlich durch. Außerdem sammeln wir die Ideen der Team-Mitglieder und verbessern damit die entsprechenden Spiele." Die Methode scheint Erfolg zu haben: Headsnatchers sammelt auf Steam überwiegend positive Kritiken.

Hochqualifizierte Fachkräfte
Wir fragen Winkler, was für ihn die Vor- und Nachteile des Produktionsstandorts Chile sind. "Wir haben hier hochqualifizierte Fachkräfte – und dank der Globalisierung haben diese auch Zugang zu den Lernmitteln, die in den höher entwickelten Staaten zur Verfügung stehen", so der Unternehmer. "Unser Hauptproblem ist die große Entfernung zu den wichtigsten Conventions und Events – das erschwert uns den Kontakt zu möglichen Publishern und Investoren. Und hier in Chile ist es extrem schwierig, neue Investitionen für eine Videospielfirma aufzutun." Die chilenische Regierung hat diese Nachteile allerdings mittlerweile erkannt – und unterstützt die Industrie auf mehreren Ebenen. Einen Überblick gibt uns Leonardo Valderrama, der Vorsitzende des Entwicklerverbandes VG Chile. Dank der Hilfe von ProChile seien einheimische Developer inzwischen auf allen Top-Konferenzen vertreten, zum Beispiel GDC, gamescom, TGS und Casual Connect. Als weiteren wichtigen Ansprechpartner seines Verbandes nennt Valderrama die Corporación de Fomento de la Producción: "Corfo ist das Gegenstück zu ProChile, das Entwicklern dabei hilft, ihre Produktion zu verbessern. Es bietet unterschiedliche Funding-Möglichkeiten, die für das Wachstum junger Unternehmen entscheidend sind", so Valderrama. Als weiteren Wachstumsfaktor nennt der Verbands-Chef die Einrichtung von Studiengängen mit Videospiel-Bezug an Hochschulen und Universitäten: "Sie bilden Arbeitskräfte aus, die für die lokale Games-Industrie von entscheidender Bedeutung sein werden."

Die Regierung hat in den letzten Jahren viel bewegt – zum Beispiel mit dem Gründerprogramm "Startup Chile", das 2012 aufgelegt wurde. "Die Bewerber mit den besten unternehmerischen Ideen weltweit werden ausgewählt und dann nach Chile eingeladen. Auch Chilenen können sich bewerben", erläutert Diego Torres. "Die Idee ist, dass diese Gründer ihr Unternehmen zunächst in Chile starten, zumindest für sechs Monate. Dazu erhalten sie neben dem Startkapital von 30.000 US-Dollar ein Visum und Arbeitsräume in einem Co-Working Space in der Hauptstadt Santiago." Die Gründer werden mit lokalen Kontakten versorgt und weltweit vernetzt – so entsteht allmählich ein Ökosystem, von dem auch die kreative Industrie profitiert. "Als Gegenleistung oder Dankeschön können die Gründer ihre Erfahrung zurückgeben, zum Beispiel in Workshops an Universitäten – oder durch Mentoring bei Projekten", sagt Torres. "Die Logik dahinter ist, dass diese – zumeist ausländischen – Startup-Unternehmer  während ihres Aufenthalts Netzwerke mit Chilenen knüpfen und ihr Know-how teilen und so die chilenische Business-Kultur mit verändern helfen. Hin zu mehr Unternehmertum und mehr Risikofreude." Alles begann mit einem Fonds von gerade mal 30.000 US-Dollar. Inzwischen gibt es drei Funding-Typen: Einen für die Seed-Phase, einen für spätere Phasen – und einen speziell für Teams mit Gründerinnen. "Diese drei Typen sind Teil einer Entwicklung, die das Programm durchgemacht hat. Und es ist wirklich erfolgreich", freut sich Torres. "Früher gab es kein Ökosystem für Unternehmer, inzwischen aber gibt es fast im gesamten Land Co-Working Spaces."

Hohe Produktionskosten
Deutlich skeptischer ist Spieleveteran Carlos Bordeu von ACE Team. "Weil wir in Lateinamerika sind, würde man erwarten, dass die Produktionskosten deutlich niedriger sind als in anderen Weltregionen", sagt er. "Aber das ist nicht mehr der Fall. Wir nähern uns einem Punkt, an dem wir fast so hohe Produktionskosten haben wie Studios aus weiter entwickelten Ländern." Natürlich würden neue Startups nicht auf dem gleichen Lohnniveau arbeiten wie sein etabliertes ACE Team, so Bordeu. Fakt sei aber auch: "Will man für ein Projekt den besten Entwickler haben, dann muss man sehr viel höhere Löhne zahlen – vergleichbar denen in weiter entwickelten Ländern." Generell seien die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren deutlich gestiegen. "Santiago ist eine teure Stadt", sagt Bordeu. "Wenn man bereit ist, ein Startup so aufzuziehen wie wir damals, dann wird man das immer schaffen. Als wir Zeno Clash produzierten, haben wir die Kosten extrem niedrig gehalten." Kritisch äußert sich der Game-Designer auch gegenüber dem wachsenden Angebot an Studiengängen: "Wir sind sehr skeptisch, weil die Games-Industrie hier sehr klein ist – so klein, dass viele Studenten ihr Studium abschließen, aber keinen Job bekommen." Bordeu kann nicht nachvollziehen, warum es so viele Schulen mit Game-Design-Kursen gibt, "wenn die lokale Games-Industrie sie nicht beschäftigen kann". Als Architekt, Ingenieur oder Designer habe man in Chile gute Job-Chancen. "Bei der Games-Industrie bin ich da nicht so überzeugt."

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Santiago ist eine teure Stadt
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Auch Leonardo Valderrama sieht die Entwicklung nicht nur rosig – besonders hinsichtlich der steigenden Lebenshaltungskosten. "Das wird zu einem Problem für Geschäftsmodelle, die auf Leiharbeit beruhen", so der Verbands-Chef. "Zum Glück hat Chile eine der stabilsten Volkswirtschaften Südamerikas. Das macht Unternehmensgründungen verlässlicher." Carlos Bordeu verweist allerdings auf die globale Konkurrenz: "Wenn man nicht aus der Masse der Spiele heraussticht, wird man's nicht schaffen. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es noch nicht mal ausreicht, gut zu sein." Produktionsqualität und Marketing seien das A und O, betont Bordeu: "Man muss wirklich dranbleiben, man muss so viele Dinge richtig machen, wenn man heutzutage erfolgreich sein will." Leonardo Valderrama bleibt zuversichtlich: "In Chile gab es immer schon sehr leidenschaftliche Entwickler, die bereit waren, alles für die Verwirklichung ihres Traums zu tun. Das ist Chiles größter Vorteil." Wenn dann auch noch der Staat nachhilft, könnte es durchaus klappen mit der blühenden Spielelandschaft Chiles. (feh)