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Magazin: story

Vive les jeux!

Vor fünf Jahren waren wir schon einmal in Frankreich unterwegs und schauten uns die dortige Handelslandschaft an. Jetzt besuchten wir die Nachbarn jenseits des Rheins erneut – und hatten wieder einige Fragen im Gepäck. Zum Beispiel, wie sich der Fachhandel angesichts der Konkurrenz aus dem Internet schlägt. Oder auch, welche Bedeutung "jeux vidéo d'occasion" (Gebrauchtspiele) für die Händler haben. On y va!
"SELL" steht für "Syndicat des éditeurs de logiciels de loisirs". Dahinter verbirgt sich der Branchenverband der französischen Spiele-Publisher. Immer mal wieder führt die GfK im Auftrag von SELL umfangreiche Marktstudien durch, deren Ergebnisse dann in der Verbandszeitschrift "L'Essentiel du Jeu Vidéo" veröffentlicht werden. Im Februar 2018 publizierte SELL eine Studie zum französischen Spielemarkt, die "seine unglaubliche Vitalität bestätigen" (O-Ton).  Der GfK zufolge wuchs der französische Spielemarkt im vergangenen Jahr um 18 Prozent. Der Gesamtumsatz von 4,3 Milliarden Euro verteilt sich auf Software (2,61 Mrd. Euro, plus 16 Prozent) und auf Hardware (1,69 Mrd. Euro, plus 22 Prozent). Als "veritablen Wachstumsmotor" bezeichnet die Studie das Konsolen-Ökosystem: Es wuchs um 23 Prozent und ist für einen Großteil der Umsätze (2,401 Mrd.) verantwortlich.

Das klingt erstmal ganz positiv. Doch auch die französische Handelslandschaft ist tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Als wir sie 2013 porträtierten, hatte gerade die britische GAME Group Insolvenz angemeldet. Die Schockwellen der Pleite breiteten sich bis nach Frankreich aus, die dortigen GAME-Filialen wurden unter der Konkurrenz aufgeteilt: 44 Shops gingen an Micromania, 24 weitere an Game Cash. Mit anderen Worten: Bei den Fachhändlern fand eine deutliche Marktkonzentration statt. Aber auch sonst änderte sich am Markt einiges. 2015 fusionierte die kriselnde Multimedia-Kette FNAC mit dem Haushaltsgeräte-Anbieter Darty, zusammen sind sie auch weiterhin als Games-Anbieter im Geschäft. Hypermarchés wie Auchan, Carrefour und E.Leclerc mischen ebenfalls im Spielehandel mit.

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Konsolen als veritabler Wachstumsmotor
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Breite Produktpalette
Micromania betreibt in Frankreich mehr als 400 Shops, Game Cash mehr als 90. Unabhängige Spielehändler dürften in dieser Gemengelage keine sonderlich starke Stellung haben – sollte man meinen. Doch wie sieht deren Situation ganz konkret aus? Um das herauszufinden, reisten wir 2018 nach Südfrankreich: Unsere Stichproben nahmen wir in Marseille und Nîmes. Um einen Vergleich zu haben, besuchten wir zunächst die FNAC-Filiale im Centre Bourse von Marseille. Ähnlich wie in anderen FNAC-Läden befindet sich die Games-Abteilung in einer Einbuchtung des Hauptraums. Der Händler legt ganz offensichtlich Wert auf eine breite Produktpalette: Spiele, Zubehör und Merchandise sind gleichermaßen vertreten. Auffällig ist die starke Präsenz von VR: FNAC hat nicht nur ein PSVR-Bundle im Angebot, sondern auch das Headset Lenovo Mirage. Außerdem setzt der Händler auf Retro-Konsolen wie die Atari Flashback 8 Gold Activision Edition und den Sega MegaDrive Flashback, beide für 89,99 Euro. Der Nacon Revolution Pro Controller ist ebenso im Angebot wie diverse Kopfhörer von Plantronics, Turtle Beach und Roccat. FNAC verkauft darüber hinaus auch Anki-Lernroboter wie den Cozmo (229,99 Euro). Zu den auffälligsten Merchandise-Produkten zählen die bunten Leuchtfiguren von Pixel Pals (14,99 Euro). Bei den eigentlichen Games setzt FNAC zum einen auf Neuware, die nach Plattform (PS4, Xbox One, Switch) geordnet ist. Zum anderen handelt die Kette aber auch mit Gebrauchtspielen – und bietet mit der "Carte FNAC Gaming" eine Karte, die treue Kunden mit Boni belohnt. Dass in der Games-Abteilung gerade kein einziger Kunde unterwegs ist, muss nicht viel heißen – schließlich ist in fünf Minuten Feierabend. Allerdings bleibt der Eindruck haften, dass Games bei FNAC eher eine Randexistenz führen – denn sie werden nicht besonders stark beworben.

Unsere zweite Station in Marseille ist ein waschechter Indie-Händler. 207 Médiarom gibt es bereits seit 1997: Der Laden liegt an der quirligen Rue de Rome, auf halber Strecke zwischen Zinedine Zidanes Heimatviertel Castellane und dem Alten Hafen. "Damals waren wir der erste Laden", sagt Inhaber Charles Pardo. "Dann haben ein zweiter, ein dritter und ein vierter aufgemacht." Schließlich habe es im Umkreis von 500 Metern sechs oder sieben Spieleläden gegeben, berichtet Pardo – das waren zu viele, so dass die meisten nach ein paar Jahren wieder zumachen mussten. 207 Médiarom hat sich bis heute gehalten, die Kunden finden auf den 90 Quadratmetern Verkaufsfläche Neuerscheinungen und Retro-Games, Kult-Konsolen, Gutscheinkarten und viel Merchandise. "Der Anteil der Gebrauchtspiele liegt bei ungefähr 40 Prozent", sagt Pardo. Bei den Neuerscheinungen liegt das Bestellverhältnis zwischen PS4 und Xbox One bei sage und schreibe 10 zu 1. Merchandise werde derweil immer wichtiger: Umsatz brächten vor allem T-Shirts, Plüsch und Figuren. Um möglichst stabile Einkünfte zu haben, hat der Händler sein Angebot um gebrauchte Smartphones, Tablets und Notebooks erweitert.

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Der Anteil der Gebrauchtspiele liegt bei ungefähr
40 Prozent
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Retro als Herzensangelegenheit
Retro-Games und -Konsolen sind für Pardo eine Herzensangelegenheit: Das merkt jeder, der sich zwischen den Glasvitrinen und Regalen umschaut. "Wir haben immer mit den Produkten der jeweiligen Zeit gearbeitet – also MegaDrive, SNES, Neo Geo und so weiter. Diese Produkte sind geblieben – und die Leute wissen, dass sie sie bei uns bekommen", sagt er. Als größte Herausforderung sieht Pardo die Zunahme reiner Download-Spiele. Zwar verkauften sich Download-Karten bei 207 Médiarom wie geschnitten Brot – doch die Margen seien sehr gering: "Wir kaufen die Karten für 19,80 Euro – und verkaufen sie für 20 Euro." Dennoch: Mit seiner Mischung aus Alt und Neu – und einem treuen Kundenkreis – dürfte 207 Médiarom weiter am Markt bestehen können.

Die dritte und letzte Station unserer Tour ist Level Games in Nîmes. 2013 statteten wir dem Händler in der 150.000-Einwohner-Stadt einen ersten Besuch ab – schon damals machte der Laden in der Fußgängerzone einen sehr vitalen Eindruck. "Wir verkaufen Games – von ihren Anfängen bis heute. Unser Schwerpunkt ist Retro-Gaming", umschreibt Inhaber Vincent Halm das Geschäftskonzept. "Wir bieten Sammlerobjekte, die man bei anderen Anbietern nicht unbedingt findet. Damit versuchen wir uns abzuheben." Natürlich gebe es in Frankreich große Ketten wie Micromania, so Halm. Aber bei denen finde man höchstens Spiele ab 2012 oder 2013. "Außerdem verkaufen wir seltene und teure Dinge – die würde man bei Micromania niemals finden", sagt der Indie-Händler. Ein Beispiel ist das SNES-Game Terranigma, das Level Games in der Blister-Verpackung für 500 Euro anbietet; ein weiteres Beispiel ist Kolibri für die Sega 32X (350 Euro). "Es gibt noch sehr viel teurere Spiele, die ich aber nicht hier im Laden habe", sagt Halm. Außerdem verkauft Level Games deutlich mehr Figuren als noch vor fünf Jahren. Und auch jede Menge Spielkarten – etwa von Pokémon und Yu-Gi-Oh!

Auf Expansionskurs
Am 8. Juli 2018 feierte Level Games sein zehnjähriges Jubiläum. Der 104 Quadratmeter große Shop in Nîmes war der erste, den Halm und seine Geschäftspartner eröffneten. Seit 2014 ist das Franchise deutlich gewachsen: In den vier Jahren hat Level Games fünf Filialen eröffnet – und zwar in Alès, Uzès, Avignon, Colmar und Straßburg. "Unsere Läden laufen sehr gut – selbst dann, wenn wir uns in einer Stadt niederlassen, in der es schon Micromania etc. gibt. Das ist wirklich eine andere Zielgruppe", sagt Halm. Noch immer gebe es in Frankreich etliche Städte ohne ein entsprechendes Angebot – und damit viel Erweiterungspotenzial. Ein Selbstläufer sei das Ganze aber nicht, betont Halm: "Es ist sehr schwierig, jemanden für die Shops zu rekrutieren, der die Sache wirklich grundlegend angeht. Wir haben viel Zeit mit Leuten verloren, die nicht wirklich wussten, was sie wollten." Neben den Läden betreibt Level Games heute auch einen schwunghaften Internethandel: Die Datenbank umfasst rund 25.000 Einträge. Besonders groß sei die Nachfrage aus Deutschland und der Schweiz – aber auch in Benelux und Skandinavien gebe es viele Kunden.

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Viele Leute
kehren zu
den Dingen ihrer Jugend zurück
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Zum Erfolgsrezept von Level Games zählt eine enge Kundenbindung. "Für jede fünf Euro, die unsere Kunden ausgeben, erhalten sie einen kleinen Rabatt und gewinnen einen Level hinzu. Wenn sie eine bestimmte Anzahl Level erreicht haben, erhalten sie permanente Rabatte", so Halm. Der Händler ist optimistisch, dass Level Games mit seinem Retro-Schwerpunkt auch weiterhin floriert: "Viele Leute kehren zu den Dingen ihrer Jugend zurück. Ich denke, für uns wird es gut weitergehen." (feh)