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Magazin: story

Mama, Papa: Ich möchte Profi-Konsolenspieler werden!

Man kann sich ungefähr vorstellen, wie groß die Begeisterung am familiären Frühstückstisch ausfällt, wenn Eltern mit Sätzen wie diesen aus der Headline konfrontiert werden. Wer virtuos das Gamepad bedient, kann sein Hobby tatsächlich zum Beruf machen – als Profi-Gamer oder neudeutsch: eSportler. Aber der Weg ist steinig.
Manchmal, ja manchmal gehen Kleine-Jungs-Träume tatsächlich in Erfüllung – wie im Falle von Jannis Neumann. Seit Jahren scheucht Jannis die Superstars der US-Basketball-Liga übers Parkett – natürlich nur an der Konsole, konkret mit dem Take-Two-Sportspiel "NBA 2K". Neumann gehört mindestens europaweit zu den Bestens seines Gewerbes. Schon im Vorfeld adelten die Boulevard-Medien den 21-Jährigen zum "virtuellen Nowitzki" – künftig hat er den selben Arbeitgeber. Denn vor kurzem fand die öffentliche Talente-Verteilung für den eSport-Ableger der US-Liga statt: Bei diesem "Draft" im New Yorker Madison Square Garden entschied sich ausgerechnet die eSport-Abteilung des Dirk-Nowitzki-Klubs Dallas Mavericks für den jungen Mann aus Köln. Neumann lebt künftig in Dallas, wird in einem Klubhaus untergebracht und erhält ein Gehalt plus Prämien. 

Ganz anders die Lage bei der Basketball-Abteilung des ruhmreichen FC Bayern München. Noch bis Mitte Mai sucht der Verein via Casting volljährige Mitspieler für das achtköpfige Team, das für "Bayern Ballers Gaming" (heißt wirklich so) antritt. Wer es in die Mannschaft schafft, spielt vorerst für Ruhm und Ehre, doch immerhin werden Reisekosten und Auslagen erstattet. Es spricht viel dafür, dass auch der Fußball-Rekordmeister mittelfristig dem Beispiel von Schalke, Wolfsburg, Leipzig oder Stuttgart folgt und ein eigenes "FIFA"-Werksteam einrichtet.

Erst Widerstand, dann Rückendeckung
Noch können nur sehr wenige junge Menschen in Deutschland ihren Lebensunterhalt mit eSport bestreiten. Einige beziehen zwar ein klassisches Gehalt, für die meisten ist das Engagement ein attraktiver Nebenerwerb. Doch der Markt wächst – und damit auch die Zahl der Agenturen und Teams, die Talente bereits in jungen Jahren an sich binden und vermarkten. Sprunghaft angestiegen ist zuletzt die Zahl der FIFA-Teilzeit-Profis: Denn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) macht Druck, damit die Klubs zumindest zu den Halbfinalspielen der Virtuellen Bundesliga powered by Electronic Arts eigene Spieler entsenden. Unter anderem nutzten Hamburg, Köln, Frankfurt und Mainz diese Option, um erste eSport-Erfahrungen zu sammeln.

Einer, der bereits seit einigen Monaten im Trikot eines Erstligisten spielt, heißt Marvin Hintz – parallel zu seinem Sportmanagement-Studium tritt er für Bayer 04 Leverkusen an. Hintz musste seiner Familie und der Freundin zunächst erklären, "was es bedeutet, bei einem so großen Klub nun offizieller eSportler zu sein." Doch mittlerweile erhält er von allen Seiten Rückendeckung – sowohl der Verein als auch das familiäre Umfeld sorgen dafür, dass er seinen "Traum vom eSports-Profi jeden Tag ausleben" könne.

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Den Traum vom eSports-Profi jeden Tag ausleben
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Zukunftsmodell "Duales Gaming"?
Einiges an Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten hatte auch "Mirbit" alias Sabit Coktasar: Der Spieler des erfolgreichen Counter-Strike-Werksteams der Handelskette Euronics musste seinen Eltern klar machen, dass man durchaus Karriere machen könne im eSports – was nicht ganz leicht fiel, da in seiner Familie alle studiert hätten und "den üblichen Weg" gegangen seien, wie er es formuliert. "Mittlerweile konnten sie sehen, dass es keine Zeitverschwendung ist und unterstützen mich in jeder Hinsicht."

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Meine Eltern
waren absolut dagegen
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Noch deutlich größer war der Widerstand im Hause Dumler: Der 21-jährige Julian alias "Xioh" hat vor drei Jahren sein Abitur gebaut und anschließend ein Studium begonnen. Derzeit tritt er für das League of Legends-Team des Thüringer eSports-Spezialisten Ad Hoc Gaming an. "Meine Eltern waren absolut dagegen und wollten, dass ich einfach einem Studium nachgehe", sagt Julian Dumler. "Das hat zu vielen Diskussionen und Streits geführt. Meine Eltern wissen einfach nicht, was eSport ist und glauben blind dem, was sie im TV über die Thematik hören." Ad Hoc Gaming arbeitet im Übrigen an einem spannenden Konzept: Unter dem Stichwort "Duales Gaming" wird vormittags einer geregelten Arbeit oder einem Lehrberuf nachgegangen – nachmittags steht dann das Training auf dem Programm. Die Teilnehmer sind in dieser Zeit gemeinsam in einer Art Sport-Internat untergebracht.

Trainieren geht über Studieren
Naheliegend: Wer es in die nationale oder internationale Spitze schaffen will, muss hart trainieren. Bei Julian Dumler von Adhoc Gaming klingelt der Wecker um 7.30 Uhr. Nach dem Frühstück setzt er sich an den PC und startet seinen Live-Stream, nur unterbrochen von der Mittagspause. "Team-Training haben wir immer abends von 19 bis 22 Uhr. Nach dem Training entspanne ich mich meistens noch ein bisschen und gehe zwischen 22 und 24 Uhr schlafen."

Bei einem solchen Tagesrhythmus bleiben andere Aktivitäten zwangsläufig auf der Strecke: "Der Tag hat leider nur 24 Stunden. Ich persönlich hatte während der Schulzeit damit begonnen und die Schule dadurch natürlich etwas vernachlässigt. Danach war ich ein Jahr ausschließlich im eSport tätig. Während dieser Zeit hatten meine Eltern mir jedoch immer mehr eingeredet, studieren zu gehen und schlussendlich habe ich auch auf sie gehört. Aus dem Grund habe ich dann ein Jahr Wirtschaftsinformatik studiert. Aber selbst in dieser Zeit habe ich relativ wenig mit Freunden unternehmen können, weil ich mich trotzdem sehr auf das Team-Training fokussiert habe. Ich habe grade im ersten Semester meines Studiums versucht, alles unter einen Hut zu bringen, aber es war einfach nicht möglich. Freunde, Studium oder das Team selbst – eins dieser Dinge wird darunter immer stark leiden müssen."

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Neben Abitur
und Studium blieb kaum Zeit für andere Freizeit­aktivitäten
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Ähnlich die Lage bei Euronics-Spieler Mirbit, der für Team-Training und individuelles Training täglich fünf bis sechs Stunden einplant. "Dazu kommen Turniere und Liga-Spiele, die wir momentan täglich haben. Insgesamt wäre man dann bei ca. 8 Stunden, die man auf dem Server verbringt." Hinzu kommen weiter Aufgaben, wie zum Beispiel Social Media oder Organisatorisches. "Da ich nebenbei noch studiere, gehe ich manchmal in Vorlesungen, wobei es in letzter Zeit, wegen dem hohen Zeitaufwand als Counter-Strike-Spieler, seltener vorkommt." 10.000 Spielstunden hat er in den vergangenen vier Jahren investiert – ein Grund, warum er seine Fußball-Karriere an den Nagel hing und auf Counter-Strike GO umgestiegen ist. "Neben Abitur und Studium blieb kaum bis gar keine Zeit für andere Freizeitaktivitäten. Wobei ich sagen muss, dass ich sehr von diesem Spiel gefesselt war und immer noch bin."

Barcelona oder Manchester – Hauptsache, FIFA
Bayer-04-Spieler Marvin Hintz studiert weiterhin tagsüber – abends plant er zwei bis drei Stunden FIFA-Training ein. Hinzu kommen die Reisen zu Turnieren: "Zuletzt hat es mich zu den FUT-CUPS nach Barcelona und Manchester sowie zum ESWC Event nach Paris geführt. Zudem war ich zuletzt auch bei einem Trainingstag in Amsterdam. Jedes Wochenende spiele ich von zu Hause aus die Weekend League. In dieser sammele ich Spielpraxis und kann neue Formationen ausprobieren", erzählt der FIFA-Profi. Die Doppelbelastung aus Studium und eSport plus repräsentative Auftritte als eSport-Aushängeschild der Leverkusener ist gewaltig – ein Grund, warum er sich für ein Fernstudium entschieden hat, um sich die Zeit selbst einteilen zu können. "Wenn meine Freunde am Wochenende mal abends weggehen wollen, muss ich schon mal passen, weil zum Beispiel noch die Weekend League ansteht. Doch darauf zu verzichten, fällt mir insofern leicht, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich für den Verein eSportler bin, für den mein Herz schon seit Kindertagen schlägt", sagt der glühende Werkself-Fan.

Augen auf bei der Berufswahl
Durch Sponsoren wie Mercedes, McDonald's, die AOK oder die Bausparkasse Wüstenrot und durch die eSport-Aktivitäten von Electronic Arts, Ubisoft, Valve, Riot und Activision Blizzard fließt weiterhin Geld ins bundesdeutsche eSport-Ökosystem – die Nachfrage nach vielversprechenden Talenten und damit die Chance auf einen Stammplatz wird also mittelfristig steigen. Trotzdem rät FIFA-Spieler Hintz allen Interessierten, dass sie in jedem Fall einen Plan B in der Hinterhand haben sollten. "Die Anzahl der talentierten FIFA-Spieler, die ihren Traum von einem Profivertrag tatsächlich realisieren können, ist sehr klein. Die Konkurrenz in diesem Titel ist sehr groß. Auch deswegen habe ich mich dazu entschlossen, nicht nur auf FIFA aufzubauen, sondern nebenher mein Studium zu absolvieren." Auch League of Legends-Experte Dumler rät dazu, sich ehrlich zu machen: "Wie sehr möchtet ihr in diesem Umfeld arbeiten, im Vergleich zu den Alternativen? Wie viel seid ihr bereit, dafür aufzugeben? Wie groß ist euer Talent? Hierbei ruhig auch die Meinung von anderen einholen. Und wenn man danach zum Entschluss kommt, diesen Weg zu gehen: Gebt einfach alles! Die Konkurrenz ist groß und ihr schafft es nur, wenn ihr euch wirklich in diese reinsteigert."

Ähnlich fällt die Analyse von Euronics-Profi Mirbit aus: "Schule/Studium sollte an erster Stelle stehen, denn man weiß nie, ob es dann wirklich zum ‚Top-Spieler' reicht oder nicht. Momentan sollte man in einem deutschen Top-Team spielen, um als ‚fulltime-Spieler' über die Runden zu kommen." Im internationalen Vergleich würde Deutschland hinterher hängen, sowohl spielerisch als auch finanziell: "Man sieht aber eine positive Entwicklung in den letzten Monaten und Jahren und vor allem bei Euronics Gaming haben wir die Möglichkeit, unseren Fokus darauf zu legen, Leistung abzurufen und unser Potential auszuschöpfen."

Leistung abrufen, Potenzial ausschöpfen, fokussieren – auch wenn es womöglich noch an Strukturen und Rahmenbedingungen fehlt: Die Interviews klingen schon jetzt ganz so wie bei den Profis in der Bundesliga. (pf)