Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Bild: flyfisher/stock.adobe.com
Copyright Basis-Bild: flyfisher/stock.adobe.com

Kapitaler Bulle

Möbel, Volvo, Knäckebrot, Krimis und Zlatan: Das sind fünf schwedische Exportprodukte, die so ziemlich jeder kennt. Doch auch die Computerspiele des skandinavischen Landes genießen weltweit längst einen hervorragenden Ruf. Im dritten Teil unserer Serie "Nordische Staaten" (Island: IGM 06, Norwegen: IGM 07/2018) stellen wir deshalb die schwedische Games-Produktion vor – und werfen auch einen Blick auf die dortige Handelslandschaft.
Schweden gehört zu den den wichtigsten Spieleproduzenten der Welt: Das wurde auf der diesjährigen E3 wieder einmal überdeutlich. Unter den Neuankündigungen der Expo waren gleich mehrere fette Brocken, die auf schwedischem Territorium produziert werden. Battlefield V entsteht bei EA DICE in Stockholm, Rage 2 gleich um die Ecke bei den Avalanche Studios. Wolfenstein Youngblood entsteht in Uppsala bei MachineGames und The Division 2 bei Massive Entertainment in Malmö. Ach ja, bevor wir's vergessen: Unravel 2, so etwas wie ein Blockbuster mit Indie-Geschmack, wurde bei Coldwood Interactive in Umeå produziert, einem 80.000-Einwohner-Städtchen im schwedischen Norrland.

   "
Die Stärke
der schwedischen Games-Industrie liegt in ihrer Bandbreite
         "

Hohe Geschwindigkeit
Spiele wie Battlefield und The Division sind aber nur die Spitze des schwedischen Eisbergs – oder sagen wir: schwedischen Elchgeweihs. Tatsächlich ist die schwedische Games-Industrie in den letzten Jahren mit hoher Geschwindigkeit gewachsen. Der "Swedish Game Developer Index 2017-2018" – herausgegeben vom Verband Dataspelsbranschen, nennt beeindruckende Zahlen: So ist der Umsatz mit schwedischen Games im Jahr 2016 auf 1,33 Milliarden Euro gewachsen - und hat sich damit seit 2013 verdoppelt. Zudem sind die meisten Unternehmen profitabel, der Sektor verzeichnet im achten Jahr in Folge Gewinne. Auch die Zahl der Festanstellungen in der schwedischen Games-Industrie ist massiv gestiegen, allein im Jahr 2016 um 16 Prozent (+550 auf 4291 Festangestellte). Die Zahl der Spielefirmen wuchs sogar um 19 Prozent auf nunmehr 282.

"Was steckt hinter diesen Zahlen?", fragt Verbandssprecher Per Strömbäck rhetorisch im Vorwort der Studie. "Einfach gesagt: Es gibt viele große Firmen, die Einfluss auf die Kennzahlen haben." So habe Mojang mit Minecraft großen Anteil an dem Gesamtergebnis. Die Firma King generiere immerhin ein Fünftel des Gesamtumsatzes. "Aber jenseits davon gibt es eine bedeutende Zahl von profitablen und wachsenden Firmen, die in vielen verschiedenen verticals tätig sind: PC-Games, Mobile Games, Konsolen, VR, Technologie, Services etc.", so Strömbäck. "Die Stärke der schwedischen Games-Industrie liegt in ihrer bemerkenswerten Bandbreite."

Alter Bekannter
Doch wie erklären eigentlich die Entwickler selbst den Erfolg ihrer Branche? Um das herauszufinden, haben wir uns bei einigen Studios umgehört. Unseren ersten Gesprächspartner - einen guten alten Bekannten - treffen wir mehr zufällig, er läuft uns auf der Nordic Game Conference (23. bis 25.5.) in Malmö über den Weg. "Seit Januar bin ich Studio Head und Director of Product Development bei EA Ghost Games", erzählt Christopher Schmitz . "Das heißt, ich leite das Studio Ghost in drei Locations: in Göteborg, in Bukarest und in Guildford, und bin für die Entwicklung der Need-For-Speed-Reihe verantwortlich." Schmitz' bisherige Eindrücke vom Produktionsstandort Schweden sind sehr positiv: "Die Studios hier in Schweden sind sehr international. In meinem ehemaligen Studio I-O in Dänemark gibt es einen Expat-Anteil von 50 Prozent, und das ist bei Ghost genauso", sagt er. In den Leadership Teams von Ghost würden Amerikaner, Briten, Franzosen und auch viele Kanadier arbeiten, so Schmitz. "Es wird Englisch gesprochen. Das ist auch das Schöne hier in Skandinavien, dass jeder fließend Englisch spricht."

Besonders beeindruckt ist der Branchenveteran von der Unternehmenskultur. In Skandinavien sei Work-Life-Balance quasi ein Grundrecht, in Dänemark fast noch mehr als in Schweden: ""Die Leute kommen teilweise sehr früh zur Arbeit – um sieben oder acht Uhr –, sind dann aber auch um 18 Uhr wieder weg. Bei I-O war um 16:30 Uhr die Bude leer." In Schweden gebe es Sozialleistungen wie das sogenannte Vabbing: eine Art Lohnfortzahlung im Krankheitsfall der Kinder. Außerdem erhalten Studio-Mitarbeiter vom Staat mehrere hundert Tage paternity leave pro Kind. "Die können sie dann über einen Zeitraum von zehn Jahren aufbrauchen", erzählt Schmitz. "Es kann also passieren, dass ein Producer plötzlich mal sechs Monate weg ist, weil er seinen paternity leave nimmt. Es kann auch hinderlich sein, wenn key members plötzlich sechs Monate weg sind." Die Produktivität der Studios leide darunter jedoch nicht.

Rekrutierung im Fokus
An der Nordic Game Conference nahm EA-Mann Schmitz vor allem aus einem Grund teil: der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte. "Hier rekrutieren alle gerade wie verrückt", so Schmitz. "I-O, DICE und auch wir. Massive ist schon jetzt bei 500 Leuten und will auf 800 Leute hochgehen." Die Nordic Game Conference genießt als Talente-Treff einen ausgezeichneten Ruf – auch deshalb, weil sie trotz wachsender Teilnehmerzahlen übersichtlich und sympathisch geblieben ist. Auf der diesjährigen Konferenz war auch die deutsche Bundeshauptstadt mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. "Das Ziel der Initiative BerlinBalticNordic.net ist es, die Games-Industrie in Berlin über die Grenzen hinweg zu connecten und ein nachhaltiges Netzwerk aufzubauen", so die BBN.net-Projektleiterin Rebecca Lautner. "Die Nordic Game Conference liefert hierfür den perfekten Rahmen, da sie es schafft, in einer fast familiären Atmosphäre hochkarätige Speaker und wichtige Player der Industrie zusammenzubringen." An der Berliner Booth warben Ubisoft Bluebyte, Altagram, Paymentwall, BoomByte Games und INVR um neue Mitarbeiter – die bekanntlich in Schweden sehr gut ausgebildet sind.

So wichtig Firmen wie Mojang, King und EA DICE auch sein mögen: Es sind gerade die mittelgroßen Studios, die immer wieder für Überraschungserfolge sorgen. So zum Beispiel Image & Form aus Gothenburg mit der SteamWorld-Dig-Reihe. Oder Fatshark aus Stockholm, die 2007 gegründet wurde und inzwischen auf 75 Mitarbeiter angewachsen ist. "Unser neuestes Spiel – Warhammer Vermintide 2 - ist unsere bislang größte Produktion, und auch unser größter Erfolg", erzählt CEO Martin Wahlund stolz. Allein für PC hat sich das Fantasy-Spiel bereits mehr als zwei Millionen Mal verkauft. "Schweden hat eine lange Tradition in der Produktion toller Spiele, und es gibt etliche hochtalentierte Entwickler", fasst der Fatshark-CEO zusammen. "Wegen der vielen Studios sind auch viele Firmen mit Games-Bezug gleich um die Ecke, zum Beispiel Mocap-Firmen."

"
Hier rekrutieren alle gerade
wie verrückt
         "

Nachteil Wetter
Als einen der wenigen Nachteile sieht Wahlund tatsächlich das Wetter: Der kalte Winter erschwere es, Personal ins Land zu locken. "Leichter lässt sich ein Ort verkaufen, an dem man das ganze Jahr über Flip-Flops tragen kann und nicht in einen Parka investieren muss." Das Wetter scheint tatsächlich ein gewichtiges Problem bei der Rekrutierung zu sein – jedenfalls stößt auch Johan Ilves in dieses Horn. "Nachwuchskräfte aus aller Welt lassen sich nur schwer davon überzeugen, hierher zu kommen", sagt der Marketing Director der Stunlock Studios aus Skövde. Andererseits seien Regen, Schnee und Dunkelheit das perfekte Wetter für die Spieleentwicklung, scherzt Ilves. Die 2010 gegründeten Stunlock Studios haben mittlerweile immerhin 45 Mitarbeiter – und drei Titel im Portfolio, nämlich Bloodline Champions (2010), Dead Island Epidemic (2014) und Battlerite (2017). Besonders letzteres Spiel wird von der Fachpresse bejubelt – und hat seit dem Steam-Launch bereits vier Millionen Spieler gefunden. "Unser nächstes Projekt Battlerite Royale wird ein Mix aus Battle Royale und MOBA aus der Top-Down-Perspektive", so Ilves. "Wir wollen eine andersartige Spielerfahrung bieten – jenseits der Arena – und wir freuen uns sehr darauf auf diesen neuen Ansatz für das Royale-Genre."

Gute Vernetzung, lange Tradition und Kreativität: So langsam kommen wir dem Erfolgsrezept der schwedischen Games-Industrie näher. Aus Sicht von Daniel Hasselberg spielt auch der richtige Mainstream-Riecher eine wichtige Rolle. "Schwedische Produkt-Designer haben oft bewiesen, dass sie Dinge erschaffen können, die bei einem globalen Publikum Anklang finden – zum Beispiel Ikea, H&M und Spotify", sagt der CEO von MAG Interactive. Das Studio aus Stockholm wurde 2010 gegründet und hat mittlerweile 80 Mitarbeiter, ein Teil davon sitzt im südenglischen Brighton. "Unsere wichtigsten Franchises sind Ruzzle, WordBrain und Quiz Duel", so Hasselberg. "Jedes von ihnen hat mindestens 50 Millionen Spieler erreicht." Momentan seien ungefähr zehn Spiele in der Entwicklung, berichtet der Studiochef. Das neueste Spiel Word Domination, ein Echtzeit-PVP-Game im Stil von Scrabble, ist seit dem 31. Mai in den Download-Stores vertreten – und auch schon wieder sehr erfolgreich.

Horror-Aushängeschild
Während MAG Interactive sich auf Mobile Games konzentriert, setzt die Firma Frictional Games nach wie vor auf PC und Konsole. Das Indie-Studio aus Helsingborg wurde bereits 2007 gegründet, hat derzeit 18 feste Mitarbeiter und gehört mit Horrorspielen wie Penumbra, Amnesia und Soma zu den Aushängeschildern der schwedischen Games-Industrie. "Wir haben derzeit zwei Projekte in der Pipeline", berichtet CEO Thomas Grip. "Das eine ist ein eher klassisches Horror-Game, das sich bereits in der Produktion befindet. Wir hoffen, dazu nächstes Jahr eine Ankündigung machen zu können. Das andere ist eher ein Sci-Fi-Game und befindet sich in der Vorproduktion." Es sei das erste Mal, dass Frictional Games zeitgleich an zwei Projekten arbeite, so Grip: "Eine große Herausforderung, die wir aber nun endlich in den Griff bekommen."

  "
Wir hatten
nie Probleme
mit Zugang zu schnellem und günstigem Breitband
        "

Als ein großes Plus des Produktionsstandorts Schweden nennt Grip die Internet-Durchdringung: "Heutzutage ist sie kein so großer Vorteil mehr, weil die anderen Länder stark aufholen, aber in den letzten zehn Jahren war sie es. Wir hatten nie Probleme mit Zugang zu schnellem und günstigem Breitband. Und weil ein Großteil unseres Geschäfts online abläuft, profitieren wir sehr davon." Die schwedische Games-Industrie expandiert längst ins Ausland: Das zeigt das Beispiel THQ Nordic. Der schwedische Publisher hat nicht nur deutsche Studios wie Grimlore Games (München) und Black Forest Games (Offenburg) unter seine Fittiche genommen, sondern im Februar 2018 auch seinen bisherigen Vertriebspartner Koch Media für 121 Millionen Euro übernommen. Die Einkaufstour scheint noch lange nicht zuende zu sein...

Die Stimmen der Studios zeigen: In der schwedischen Games-Branche herrscht gerade fast schon Euphorie. Doch wie sieht es eigentlich in der schwedischen Handelslandschaft aus? Um davon einen Eindruck zu bekommen, schauten wir uns am Rande der Nordic Game in Malmö um. Schwedens drittgrößte Stadt hat rund 350.000 Einwohner und ist unter anderem als einer der Schauplätze aus der Krimireihe The Bridge bekannt: Kopenhagen liegt direkt gegenüber, am anderen Ende der beeindruckenden Öresundbrücke. Das Einkaufszentrum Triangeln steht im südlichen Zentrum von Malmö: Hier finden wir gleich mehrere Geschäfte, die als Games-Händler infrage kommen. Zunächst betreten wir das Elgiganten Phone House, einen Ableger der CE-Kette Elgiganten, die in mehreren skandinavischen Ländern operiert. Wie zu erahnen war, liegt der Schwerpunkt der Filiale klar auf Smartphones und Tablets – der Verkäufer teilt uns mit, dass sich die nächste Elgiganten-Filiale mit Games in der rund sechs Kilometer entfernten Mobilia Mall befindet. Wir bleiben aber im Triangeln-Center und betreten eine GameStop-Filiale, die sich hinsichtlich Größe und Bestückung kaum von anderen GameStops unterscheidet. Wobei die Auswahl vielleicht doch ein bisschen umfangreicher ist, besonders bei Merchandise: Der Shop führt eine große Bandbreite an Funko-Pop-Figuren, Kuscheltieren, Action-Figuren, Minecraft-Bausätzen, T-Shirts und Kappen. Sogar "recycelte" Star-Wars- und Skylanders-Figuren gibt es – sie sind neu verpackt, aber natürlich als gebraucht gekennzeichnet.

Nur Zubehör
Wenige Meter vom GameStop entfernt liegt eine Filiale von Kjell & Company – so etwas wie dem schwedischen Conrad Electronic. In dem hellen, aufgeräumten Verkaufsraum finden wir zwar keine Games, aber immerhin etwas Zubehör, nämlich Tastaturen und Mäuse von Arrogant Bastard. Neben Kjell & Company liegt das Technikmagasinet, eine schwedische Kette für Unterhaltungselektronik. Der kleine Laden wirkt recht vollgestopft – auch hier gibt es keine Games, aber Zubehör von Razer, Logitech und Sony.

So richtig beeindruckend ist nur das Games-Sortiment von Webhallen, die ebenfalls eine Filiale im Triangeln-Center betreiben. Webhallen Sverige AB ist ein E-Commerce-Unternehmen, das Spiele, Filme, Software, Hardware, Unterhaltungselektronik und Haushaltsprodukte im Internet und in Geschäften verkauft. Derzeit hat Webhallen in Schweden 23 Filialen. Die von uns besuchte Filiale ist komplett auf Gamer ausgerichtet: Hier gibt es eine Anspielstation für God of War, großflächige Werbung für EA-Titel, einen Vorzeige-Gaming-PC ("No nonsense, pure power") und eine breite Beratungstheke mit insgesamt sechs Kassen. Fazit: Zumindest im Triangeln-Center entscheidet Webhallen das Rennen klar für sich. (feh)