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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Ragnar Th. Sigurdsson
Copyright Basis-Bild: Ragnar Th. Sigurdsson

Kalte Krieger

Welche Dinge verbindet man üblicherweise mit Island? Nun denn... wie wäre es mit Vulkanen? Check! Geysiren? Check! Wikingern? Check! Pferden? Check! Eve Online? Ja richtig, auch check, denn das Weltraum-MMO gehört schon seit Jahren zu den wichtigsten Exportprodukten des Inselstaats. Der Nachteil: CCP lässt andere isländische Game-Studios automatisch in den Hintergrund treten. Wir haben uns deshalb vor Ort umgeschaut – und stellen weitere Akteure der isländischen Games-Branche vor.
Beginnen wir dennoch mit dem Eve Fanfest: Auch im 15. Jahr von Eve Online zog das Community-Treffen in der Harpa von Reykjavík weltweites Spielerinteresse auf sich. 2018 trafen sich dort rund 1000 Edelfans, um Neuerungen zu diskutieren, Ränke zu schmieden oder beim obligatorischen Pub Crawl mit den Entwicklern auf den Putz zu hauen.

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Richtig rund
lief es bei Islands Vorzeigestudio
in letzter Zeit
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IGM war vom 12. bis 14. April vor Ort und verfolgte die Feierlichkeiten – vor allem auch deshalb, um etwas über die Zukunft von CCP zu erfahren. Denn richtig rund lief es bei Islands Vorzeigestudio in letzter Zeit nicht. Projekte wie World of Darkness Online und Dust 514 wurden gecancelt, im Herbst letzten Jahres entließ CCP zudem fast 100 Mitarbeiter – und stellte die Produktion neuer VR-Titel komplett ein. Bereits Ende 2016 hatte die Firma F2P-Accounts eingeführt, um neue Spieler für das komplexe MMO zu gewinnen. Ob das auch wirklich gelingt, darüber kann nur spekuliert werden, denn CCP veröffentlicht keine aktuellen Nutzerzahlen. Mit einem EBITDA-Gewinn von ca. 22 Mio. US-Dollar in 2017 scheint es dem Studio ganz gut zu gehen, die Fan-Basis hält Eve nach wie vor die Treue. Dennoch warf unser Besuch in Reykjavík weitere Fragen auf: Was wird aus dem neuen Shooter Project Nova? Der soll zwar schon 2018 anspielbar sein – das war aber auch so ziemlich die einzige Info, die CCP auf dem Fanfest preisgab. Und wird die neue Eve-Erweiterung Into the Abyss (VÖ: 29.5.) das MMO tatsächlich um interessante Solo-Erlebnisse bereichern? CCP-Chef Hilmar Veigar Pétursson sagte uns am Rande des Fanfests, man wolle mit der Erweiterung "alle bisherigen Grenzen des Spiels verschieben" und die neuen Deadspace-Zonen im Erfolgsfall ausweiten. Was aber kann CCP nachlegen, wenn Into the Abyss von den Spielern nicht angenommen wird? Die nächsten Monate werden entscheiden, wie die Reise bei CCP weitergeht.

Wichtiger Exportartikel
Natürlich können Verwerfungen beim landesweit größten Gaming-Arbeitgeber auch Auswirkungen auf die übrigen Firmen haben. Bei allen Nachteilen für die Betroffenen führen Entlassungen häufig auch dazu, dass neue Studios gegründet werden – und dass sich die inländische Branche diversifiziert. Im Fall von Island könnte die Bedeutung des Exportartikels "Games" weiter wachsen. Traditionell setzt das Land auf Fischfang, Aluminiumverhüttung, Wollproduktion und Tourismus – gerade letzterer hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das gilt im übrigen auch für die Bevölkerung Islands: Waren es bei unserem letzten Porträt 2013 noch rund 320.000 Inselbewohner, so sind es inzwischen um die 350.000. Das mag vergleichsweise wenig klingen – allein Berlin verzeichnete im vergangenen Jahr einen Zuwachs von 40.000 Bewohnern. Doch für einen kleinen Staat wie Island sind 30.000 Menschen eine ganze Menge. Die meisten Zuwanderer stammen aus Polen, Dänemark oder auch Deutschland. Sie übernehmen einerseits Jobs im handwerklichen Bereich, die bei der einheimischen Bevölkerung an Attraktivität verlieren. Andererseits arbeiten Zuwanderer auch in Branchen, die viel technisches Know-How erfordern – zum Beispiel der Games-Branche.

Wer schon einmal durch Island gereist ist, der weiß: Die Preise liegen deutlich über denen Westeuropas. Besonders teuer sind Restaurants, Hotels und all jene Produkte, die importiert werden müssen. Gleichzeitig verdient der Durchschnitts-Isländer auch deutlich mehr als der Durchschnitts-Westeuropäer: 2017 lag das BIP pro Kopf dort bei 70.332 US-Dollar, in Deutschland hingegen bei 44.550 US-Dollar. Kaufkraftbereinigt liegen beide Länder allerdings nicht sehr weit auseinander: Island auf Platz 16, Deutschland auf Platz 18. Bei unserem Besuch hielten wir nach Games-Händlern Ausschau – doch wirklich ergiebig war die Suche nicht. Zwar gibt es am Internationalen Flughafen Keflavik einen Duty-Free-Shop mit Games. Doch in der Innenstadt von Reykjavík drängen sich Spieleläden keineswegs auf. Einer der größten Händler ist die Elektronikkette Elko (elko.is). Und auch der Plattenladen Skífan betreibt in Reykjavík eine Games-Abteilung (http://www.gamestodin.is). Doch die meisten Isländer kaufen ihre Spiele mittlerweile im Netz. Ein wichtiger Grund ist die dünne Besiedlung des Landes, selbst mittelgroße Ortschaften haben maximal eine Tankstelle und einen Lebensmittelmarkt. Wer will schon hunderte Kilometer über teils nicht asphaltierte Straßen fahren, um sich in Reykjavík oder Akureyri ein boxed game zu kaufen?

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Selbst mittelgroße Ortschaften haben maximal eine Tank­stelle und einen Lebens­mittel­markt
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Wenden wir uns nun der isländischen Entwicklerlandschaft zu. Der Branchenverband IGI (Icelandic Games Industry, igi.is) listet auf seiner Website eine Reihe von Mitgliedern auf: CCP, Novomatic, Jivaro, Plain Vanilla, 1939 Games, Codeiak, Ymir Mobile, Mussila, Solid Cloud Games, Radiant Games und Lumenox. Angaben über die Anzahl der Games-Beschäftigten macht IGI keine, die Website ist zudem fast ausschließlich in isländischer Sprache gehalten. Die neuesten Daten stammen aus dem Jahr 2015: Zwischen 2008 und 2015 wuchs die Branche demnach um durchschnittlich 18 Prozent pro Jahr. Aktuellere Zahlen fehlen leider.

Start-up-Zentrum
Einer der Hoffnungsträger der isländischen Games-Branche ist Solid Clouds. Das Unternehmen wurde Ende 2013 gegründet und hat derzeit 13 Mitarbeiter. Zwei davon waren früher bei CCP in leitenden Funktionen tätig. Auch sonst ist die enge Verzahnung innerhalb der Branche spürbar. "Viele der ursprünglichen Investoren und Backer von CCP sind nun Investoren und Backer von Solid Clouds", erzählt uns Community-Manager Arelíus Arelíusarson, als wir das Studio in Reykjavík besuchen. Die Firmenräume befinden sich im Obergeschoss der Shopping-Mall Eiðistorg: Hier sind auch zahlreiche andere Start-ups angesiedelt, die einer der Opera-Entwickler unter seine Fittiche genommen hat. "Wir haben gerade eine Finanzierungsrunde mit 3 Millionen US-Dollar hinter uns", berichtet Arelíusarson. "Der Löwenanteil kam von Investoren, ein bescheidener Anteil besteht aus staatlicher Förderung." Solid Clouds arbeitet derzeit an Starborne, einem massively multiplayer real-time strategy game. "Im Prinzip ist das ein strategisches Brettspiel mit Tausenden von Spielern", so der Community-Manager. "Starborne ist ein Team-Game. Allein gewinnt man das Spiel nicht. Man beginnt allein, errichtet ein Imperium und schließt sich einer Allianz an, die dann ihrerseits Teil einer Konföderation wird." Eine weitere Besonderheit: Ein Spiel in der persistenten Welt dauert volle drei Monate. "Starborne ist ein grand strategy game, das lange Planung benötigt und sehr politisch ist. Wer überleben will, muss Politik betreiben", erläutert Arelíusarson. "Wir planen die nächste Alpha-Runde für diesen Sommer. Aber via Discord geben wir unserer Fanbase einen Vorab-Zugang zum Client."

Solid Clouds will mit einem Mischmodell Geld verdienen: Das Game ist free-to-play mit einem optionalen Abo. "Wir arbeiten hart daran, den Pay-to-win-Faktor zu beseitigen", so Arelíusarson. "In unseren Tests gab es bisher immer Spieler auf dem höchsten Level, die nicht einen Cent gezahlt haben. Wir wissen also, dass das machbar ist. Allerdings verbringen diese Spieler auch mehr Zeit im Game." Solid Clouds sieht die Formel "Zahlen = Zeitersparnis" als fairen Kompromiss. "Wir werden das Spiel wahrscheinlich zunächst self-publishen", kündigt Arelíusarson an.

Musik-Talent
Ein anderes Geschäftsmodell hat das Game-Studio Rosamosi aus Reykjavík. Rosamosi wurde Anfang 2015 von der vielseitigen Musikerin Margrét Júlíana Sigurdardottir und dem Computer-Ingenieur Hilmar Thor Birgisson gegründet, der zuvor schon an Musik-Apps für seine eigene Firma gearbeitet hatte. CEO Sigurdardottir ist Postgraduate der Royal Academy of Music und hat unter anderem mit Björk und Sigur Rós musiziert, sie hatte zum Zeitpunkt der Firmengründung bereits mit der Entwicklung von Mussila begonnen. Hinter dem Namen steckt eine Reihe von Apps für Kinder: Sie kombiniert Abenteuer und kreatives Spielen, um Grundlagen der Musik zu vermitteln. Rosamosi erhielt einen Zuschuss des isländischen Technologie-Fonds und startete mit einem Team aus Art Director und Animator. Inzwischen hat die Firma bereits fünf Apps im App Store gelauncht – und die beiden neuesten auch auf Google Play.

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Wir alle
erzählen gerne Geschichten
und erfinden welche
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"Mussila ist unsere jüngste App – und gleichzeitig unser Flaggschiff", sagt Sigurdardottir. "Unter anderem bestimmt man Noten, Rhythmen und Instrumente per Gehör, man spielt Songs auf einem virtuellen Keyboard und nimmt an Jam Sessions der Mussila Monster Band teil." Derzeit hat Rosamosi vier Festangestellte, arbeitet jedoch mit einer ganzen Reihe weiterer Experten auf Projektbasis und im Marketing zusammen.

Wir fragen Sigurdardottir nach den Besonderheiten der isländischen Spieleentwicklung. "Island hat ein starkes literarisches Erbe. Ich denke, das hat großen Einfluss auf die isländische Games-Industrie – wir alle erzählen gerne Geschichten und erfinden welche", sagt sie. "Ein weiterer Vorteil kommt wohl daher, dass wir Inselbewohner sind. Wir sind beruflich sehr vielseitig: Die eine Hälfte spielt in Bands, die andere hat schon Romane veröffentlicht, obwohl die meisten von ihnen ihr Geld mit etwas anderem verdienen." Die Games-Industrie erinnert Sigurdardottir ein bisschen an ein Theater: Man müsse viele Talente aus den unterschiedlichsten Berufen zusammenbringen. "Es hilft wirklich, wenn die Leute die Herausforderungen ihrer Mitarbeiter verstehen und selbst auch mehr als eine davon lösen können – besonders dann, wenn es sich beim Studio um ein Start-up handelt. In diesem Fall ist Vielseitigkeit unglaublich wertvoll", so die Firmenchefin. Einen Nachteil Islands sieht sie im vergleichsweise kleinen Talente-Pool. "Es ist für jedes Unternehmen eine Herausforderung, in diesem Umfeld zu wachsen. Allerdings gibt es dafür auch Lösungen, wie bei jedem anderen Problem. Zum Glück kann man in diesem Geschäft mit Teams auf der anderen Seite des Globus zusammenarbeiten."

Mehr Förderung
Doch wie gut unterstützt der isländische Staat die heimische Games-Branche? Aus Sicht von Arelíusarson ist die staatliche Unterstützung besser geworden: "Der IGI hat Lobby-Arbeit für einen Steuernachlass betrieben, der dann auch bewilligt wurde. Das hat uns bei unseren Investoren geholfen." Die staatliche Agentur Rannís fördert Start-ups und technologische Neuerungen. "Sie hat strenge Tests und Prozesse, man muss alle Innovationskriterien erfüllen", so Arelíusarson. Seine Branchenkollegin Sigurdardottir sitzt selbst im IGI-Vorstand. "Wir thematisieren dort viele verschiedene Dinge", sagt sie. "Dazu gehört ein Steuernachlass für Unternehmen in der Frühphase und ein besseres Umfeld für die Verpflichtung ausländischer Mitarbeiter. Denn die werden in unserer Industrie sehr dringend gebraucht." Man sei zuversichtlich, dass es in den kommenden Monaten weitere Verbesserungen gebe, so Sigurdardottir. "Sie können großen Einfluss auf die isländische Wirtschaft haben – und das zu einem geringen Preis." (feh)