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Magazin: story

Copyright Aufmacher-Bild: andriano_cz/stock.adobe.com
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Gemeinsam

Es muss ja nicht gleich das Weiße Haus oder der Buckingham-Palast sein: Auch in der deutschen Spielebranche gibt es Paare und ganze Clans, die in ein- und demselben Betrieb arbeiten. Aber wie klappt das eigentlich, wenn Berufs- und Familienleben fließend ineinander über gehen?
Für den glücklichen Umstand, dass zwei starke Persönlichkeiten gemeinsam durchs Leben gehen, hat die Boulevard-Presse den hübschen Begriff "power couple" erfunden. Meist sind damit Kombinationen à la Wagenknecht-Lafontaine, Fischer-Silbereisen oder Neureuther-Gössner gemeint – oder eben gekrönte Häupter, die Beckhams, die Obamas. Dass so häufig Menschen zueinander finden, die ähnlichen Jobs nachgehen oder im selben Unternehmen arbeiten, verwundert nicht: Beide wissen um die Besonderheiten des Berufs, die Arbeitszeiten, die Reisen, den Druck. Das gilt natürlich auch für die hiesige Games-Branche. Wir mussten jedenfalls nicht lange suchen, um gleich mehrere "power couples" zu finden, die seit Jahren, teils seit Jahrzehnten Berufliches und Privates teilen. Nehmen wir  beispielsweise Jennifer und Björn Pankratz. Spätestens seit dem Abend des 10. April 2018 sind die beiden auch über die Branchengrenzen hinaus bekannt. Denn in München nahmen sie beim Deutschen Computerspielpreis den Publikums-Preis für das Rollenspiel ELEX in Empfang. Kein anderes PC- und Konsolenspiel made in Germany war in Deutschland zuletzt so erfolgreich wie die Neuheit von Piranha Bytes (Gothic, Risen). Björn Pankratz arbeitet seit fast 20 Jahren als Project Director für das Essener Studio. Jennifer Pankratz stieß Ende 2008 zum mittlerweile 27köpfigen Team.

Fromme Wünsche
Ein Ehepaar, das rustikale Fantasy-Rollenspiele entwickelt? Diese Konstellation ist gleichermaßen selten wie ungewöhnlich. Und das kam so: "Bereits sehr früh kannte ich privat einige Mitarbeiter von Piranha Bytes und kannte Björn durch den gemeinsamen Freundeskreis flüchtig. Auf einer Silvesterfeier 2006 hat er mich schließlich angesprochen und so sind wir Anfang 2007 zusammengekommen", berichtet Jennifer Pankratz. "2008 arbeitete ich noch als Sozialarbeiterin in Delegation für das Jugendamt. Es wurde jemand als Tester in der QA für Risen gebraucht – und da ich ohnehin alle Piranha-Bytes-Spiele kannte und mich das Thema sehr reizte, habe ich dort dann zunächst nebenbei getestet und schließlich auch andere Aufgaben wie das Bugfixen übernommen."

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Arbeit nicht
mit nach Hause nehmen? Häufig nur ein frommer Wunsch
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Parallel hat sie den Beruf als Sozialarbeiterin aufgegeben und lernte von ihrem Partner die Implementierung und das Design von Story-Inhalten. "So bin ich nach und nach in den Story-Bereich gerutscht und geblieben. Dazu kann man sagen, dass ich die Arbeit in der Spieleentwicklung super finde und diese Entwicklung als großes Glück empfunden habe."

Das Ehepaar Pankratz teilt sich ein gemeinsames Büro. Während ER neben der Story auch in Gamedesign, Planung, Projektleitung und Sound involviert ist, übernimmt SIE spezifischere Aufgaben für Story, Gamedesign und die Organisation der Öffentlichkeitsarbeit. "Somit leiste ich Björn häufig Zuarbeit. Da wir sehr gerne zusammenarbeiten und uns gut ergänzen, ist das aus unserer Sicht eine ideale Aufteilung", erklärt Jennifer Pankratz.

Dennoch gibt es fast zwangsläufig Schnittmengen zwischen Berufs- zu Privatleben. "Meist nehmen wir uns vor, Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen. Dieses Vorhaben ist jedoch häufig nur ein frommer Wunsch, da einige Themen uns doch auch nach der Arbeit im Büro noch beschäftigen", sagt Jennifer Pankratz. Ablenkung bringen Hobbys und "Solo-Projekte": "Björn schreibt nebenbei an einem Buch und macht Musik, wir haben noch zwei Kinder, die ihren Raum zurecht einfordern und wir schauen auch gerne gemeinsam Filme und Serien oder machen häufig gemeinsame Ausflüge."

Großhändler mit Großfamilie
Im Mai kommenden Jahres begehen Günther und Rosmarie Groß das 30-jährige Firmenjubiläum von Groß Electronic im niederbayerischen Röhrnbach nahe Passau. Aus einem kleinen Büro hat sich einer der führenden Games-Großhändler des Landes entwickelt – 12 Mitarbeiter kümmern sich um Einkauf, Versand und Service. Das Sortiment reicht von Videospielen über Fanartikel bis hin zu Zubehör. Zeitweise arbeiten drei Generationen im markanten, grau-rot lackierten, nicht zu übersehenden Gebäude inmitten des Ortes, berichtet Geschäftsführer Günther Groß im IGM-Gespräch. Selbst seine Mutter, "die eigentlich schon in Rente ist", hilft regelmäßig mit, phasenweise auch mal Tanten, Onkels, Cousinen. Aus Sicht des Firmen-Chefs ist nicht zuletzt diese Konstellation die Basis des Erfolgs.

Längst sind auch seine erwachsenen Kinder in den Familienbetrieb eingestiegen – beide absolvierten ihre Ausbildung bei Groß Electronic. Groß' Sohn ist seit fast 20 Jahren dabei, habe sich schon als 8-Jähriger für die Firma interessiert und kümmert sich inzwischen um den Vertrieb und die Website. Die Tochter der Groß'schen Dynastie stemmt die Buchhaltung. Die Aufgaben sind also klar verteilt, jeder hat "seinen" Bereich. Die Abläufe sind eingespielt, jeder weiß, wie der andere "tickt".

Bei einem solchen Familienbetrieb ist es naheliegend, dass die Firmenangelegenheiten auch ins Private schwappen. "Ein Angestellter geht um 17 Uhr heim und denkt sich wahrscheinlich: ‚Ihr könnt's mich mal...', doch als Selbstständiger arbeitet man eben selbst und ständig – frühmorgens, abends, am Wochenende. Die Firma ist unser Baby, wir sitzen alle aufeinander, das lässt sich nicht trennen", weiß Günther Groß. Das soll es auch gar nicht, schließlich dient der familiäre Esszimmertisch oft genug auch als Ideenschmiede.

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Die Firma
ist unser
Baby
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Upjers: Chefsache Personal­gespräch
Sein erstes Browserspiel hat Klaus Schmitt im heimischen Wohnzimmer programmiert. Das war 2003. Drei Jahre später machte er sein Hobby zum Beruf und gründete gemeinsam mit seiner Frau Marika sein eigenes Spielestudio, das heute unter dem Namen Upjers bekannt ist. Spezialität: knuddelige Free2play-Aufbauspiele für PC, Tablets und Smartphone – die Kundschaft betreibt Krankenhäuser, Zoos, Bauernhöfe, Tierhandlungen und Ferienhotels. Heute macht das Unternehmen mit Sitz im oberfränkischen 80.000-Einwohner-Städtchen Bamberg einen deutlich zweistelligen Millionen-Umsatz und gehört mit rund 100 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern der deutschen Games-Branche.

Die Personalgespräche sind nach wie vor Chefsache: Wer sich auf einen der ausgeschriebenen Jobs als Programmierer oder Grafiker bewirbt, sitzt meist dem Geschäftsführer-Paar höchstpersönlich gegenüber. Gerade wegen der Größe des Betriebs ist es den Schmitts wichtig, dass die Mitarbeiter in ihr Team passen. Das gilt nicht zuletzt für die Azubis, die sich zum Fachinformatiker ausbilden lassen – eine Seltenheit in der Branche. Überhaupt erinnert Upjers mehr an einen klassischen Mittelständler: Überstundenausgleich, flexible Arbeitszeiten und betriebliche Altersvorsorge sind selbstverständlich. Während sich Klaus Schmitt um technische Aspekte der Spiele-Entwicklung und die IT kümmert, widmet sich Marika Schmitt unter anderem dem Spiel- und Grafikdesign und dem Marketing. Geschäftliche Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen. Bei einer derart engen Zusammenarbeit ist es fast schon zwangsläufig, dass die Firma auch im Familienalltag eine tragende Rolle spielt. Und selbst in der Freizeit ist der Job immer präsent – etwa dann, wenn sich die Schmitts ansehen, was die Mitbewerber im Segment derzeit im Appstore anbieten.

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Es gibt
einen Punkt,
da haben wir einfach frei
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Cowana: Wie Wamsers weiter wachsen wollen
Wenn man es genau nimmt, arbeiten Nadine und Michael Wamser nicht im selben Betrieb, zumindest: nicht mehr. Denn Nadine Wamser ist seit 2015 Geschäftsführerin der Medialounge GmbH: Der Messe- und Event-Spezialist betreibt unter anderem den gleichnamigen Gemeinschaftsstand in der Business Area der Gamescom. Ihr Ehemann Michael Wamser ist Chef von Cowana: Die Fürther Marketing-Agentur betreut Groß-Kunden wie Bethesda (Skyrim, Wolfenstein 2). Beide Unternehmen wachsen rasant, zuletzt kam noch die Vermarktungs-Sparte Adcowa hinzu.

Bei der Gründung von Cowana im Jahr 2009 war jede helfende Hand vonnöten – "Nadine sprang ein, der Rest ist Geschichte", erzählt Wamser. Weil es sich um zwei eigenständige Unternehmen handelt, lassen sich die Aufgaben klar trennen. "Es gibt Überschneidungen und alle – vor allem unsere Kunden – profitieren davon, dass die Firmengruppe ganz verschiedene Leistungen anbieten kann. Aber für uns gibt es eine klare Trennung der Zuständigkeiten, jeder Ehepartner ist Geschäftsführer einer GmbH. Wir sitzen in einem Büro, aber in verschiedenen Räumen – und ja, wir sprechen ‚sogar' tagsüber miteinander und fragen uns gegenseitig bei wichtigen Entscheidungen."

Inzwischen beschäftigen die Wamsers in den Fürther Innenstadt "ein stattliches Team", wie sie selbst sagen – die Firmen liegen ihnen am Herzen. Natürlich fände das eine oder andere Gespräch auch nach Feierabend statt, weil das Tagesgeschäft zu viel Zeit fordert. "Aber es gibt einen Punkt, da haben wir einfach frei und dann wird auch tatsächlich kein Wort über Cowana, Medialounge oder Adcowa gesprochen." (pf)