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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Okea/stock.adobe.com
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Auf ein Bier

Und weiter geht es mit unserer Tour durch Benelux! Nach der holländischen Games-Industrie (IGM 01/18) widmen wir uns nun der belgischen Spieleproduktion. Außerdem werfen wir einen Blick auf die Handelslandschaft von Benelux.
Die Botschaft war klar und deutlich: Ende November stellte die belgische Glücksspielbehörde fest, dass Lootboxen in Star Wars Battlefront 2 als Glücksspiel einzustufen seien. Kurz darauf forderte der belgische Justizminister Koen Geens in einem Interview mit VTM Nieuws, solche "gefährlichen Elemente" aus Games zu verbannen – er setze dabei auf die Europäische Union. Sollte die EU tatsächlich auf das Thema anspringen, könnte Belgiens Initiative mittelbar auch hierzulande zu spüren sein...

Die Belgien-Meldung zu Lootboxen ging durch sämtliche Medien. Ansonsten aber kommt unser Nachbarland bei Games-Themen eher selten in die Schlagzeilen. Zwar gibt es belgische Firmen wie Larian Studios (s.u.) oder Fishing Cactus, die herausragende Games produzieren. Doch Themen wie die belgische Handelslandschaft sind doch eher etwas für Fachmedien – also genau das Richtige für IGM! Schauen wir uns deshalb zunächst kurz die Eckdaten des Landes an: Belgien ist mit rund 31.000 Quadratkilometern Fläche deutlich kleiner als der Benelux-Kollege Niederlande (42.000 qkm). Auch die Einwohnerzahl ist deutlich geringer (11 zu 17 Mio.). Bei der Bevölkerungsdichte sind sich die beiden Länder allerdings recht ähnlich: In Belgien leben durchschnittlich 371 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Holland sogar 408. Merkliche Unterschiede gibt es dann wiederum bei der Kaufkraft: In Holland liegt das kaufkraftbereinigte BIP bei 51.049 US-Dollar (Platz 15 weltweit), in Belgien aber nur bei 45.047 US-Dollar (Platz 26).

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Der Benelux-Markt ist recht klein und zeitaufwendig
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Tiefer Konflikt
Womöglich sind die Belgier beim Games-Konsum also etwas weniger ausgabefreudig als ihre Nachbarn. Wobei ein anderer Faktor ebenfalls Auswirkungen haben könnte: Belgien unterteilt sich in die Regionen Brüssel-Hauptstadt, Flandern und Wallonien. Die beiden letztgenannten Regionen sind sich bekanntermaßen nicht recht grün, der flämisch-wallonische Konflikt brodelt seit dem 19. Jahrhundert. Die Verwerfungen des Konflikts wirken sich natürlich auch auf die binnenwirtschaftliche Vernetzung und die Infrastruktur Belgiens aus – und damit indirekt auf den Games-Handel. Zu den wichtigsten Retailern Belgiens zählen laut mcvuk.com Saturn, Media Markt, Game Mania und Carrefour. Um die Kohärenz der Handelslandschaft in Benelux zu prüfen, schauen wir über die Grenze nach Holland: Auch dort tauchen die vier Namen Game Mania, Carrefour, Media Markt und Saturn auf – zusätzlich aber auch Nedgame, Gameshop, Intertoys, Bart Smit und Bol.com. (Von Amazon müssen wir jetzt gar nicht sprechen.) In Luxemburg sind Retailer wie Saturn, Electro-Viaduc und Coin BD aktiv. Etliche Distributoren decken den kompletten Benelux-Markt ab: Dazu zählen Koch Media, Big Ben Interactive, Micromedia, CLD Distribution und Level03 Distribution.

Um bessere Einblicke in die Handelslandschaft zu bekommen, wandten wir uns an die niederländische Firma Soedesco, die über große Expertise in Benelux verfügt. "Ich glaube, die meisten Leute kennen uns als Publisher von physischen Indie-Games", sagt Marketing-Manager Bas de Jonge. "Allerdings machen wir sehr viele verschiedene Dinge. Hinter den Kulissen kümmern wir uns oft um Produktion, Übersetzung und Lokalisierung, Marketing, PR, Portierung und Distribution von physischen Titeln. Das hängt sehr stark vom jeweiligen Titel ab – und davon, was die Entwickler wollen." Soedesco versuche, möglichst flexibel zu sein und so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Entwickler einzugehen, betont de Jonge. "Wir versuchen auch, so viel wie möglich hausintern zu erledigen. Beispielsweise können wir sämtliche Arbeitsschritte leisten: von der Produktion – Alterseinstufung, Lokalisierung, Plattformzulassung – über das Art Design der Verpackung bis hin zur Distribution."

AAA vs. Indie
Wie aber nimmt Soedesco den Handel in Benelux wahr? Für die Firma sei das einer der kleineren Märkte, so de Jonge. "In Europa machen wir den meisten Umsatz in Deutschland, Frankreich und Italien. Letztes Jahr wurden die USA zu unserem größten Absatzmarkt." Den Benelux-Markt nennt de Jonge "recht klein und zeitaufwendig". Als vergleichsweise kleines Unternehmen sei es ziemlich schwer, allen Retailern in den Benelux-Staaten physische Spiele zu verkaufen. "Das liegt vor allem daran, dass die hiesigen Retailer nicht über ein zentrales Büro einkaufen", so der Marketing-Manager. "Verkauft man Games dagegen beispielsweise an GameStop oder Walmart, dann hat man eine zentrale Anlaufstelle, um ein Game in Tausende von Filialen zu bringen." Schwierig sei aber nicht nur das Bereitstellen physischer Titel für die unterschiedlichen Retailer. "Sondern auch, Regalfläche zu bekommen. Aus meiner Erfahrung ziehen die meisten Retailer AAA-Games den Indie-Games vor, weil sie wissen, dass die sich gut verkaufen." Ein nicht wirklich benelux-spezifisches Phänomen.

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In Belgien
haben wir das Glück exzellenter Schulen
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Von den Soedesco-Titeln laufen einige in Benelux besonders gut. De Jonge nennt Adam's Venture: Origins, Among the Sleep, N.E.R.O. und Real Farm. Längst nicht alle diese Titel wurden in Benelux produziert: Among the Sleep stammt von der norwegischen Firma Krillbite Studio, N.E.R.O. von Storm in a Teacup aus Italien. Adam's Venture: Origins (Vertigo Games) und Real Farm (Triangle Studios) wurden in Holland produziert. Doch was sind nun eigentlich die wichtigsten Studios in Belgien? Natürlich gehören dazu die Larian Studios, die mit Divinity: Original Sin II im Herbst ein hochgelobtes RPG vorgelegt haben. Larian Studios wurde bereits 1996 in Gent gegründet. Heute hat die Firma 130 Mitarbeiter und vier Studios, nämlich in Québec, St. Petersburg, Dublin und Gent. Von Gründer und CEO Swen Vincke wollen wir wissen, woran Larian gerade so werkelt. Vincke gibt sich allerdings bedeckt: "Wir haben noch nicht bekanntgegeben, woran wir gerade arbeiten. Zuletzt haben wir Divinity: Original Sin II für den PC produziert. Künftige Herausforderungen sehe ich in allem, was im RPG-Bereich möglich ist." Zugleich wolle man die Produktionswerte kontinuierlich erhöhen. Bei einem bereits hochwertigen Spielerlebnis wie dem von Divinity: Original Sin II ist das in der Tat eine Herausforderung.

Gute Ausbildung
Wir wollen von Vincke wissen, wo er die Stärken des Produktionsstandorts sieht. "In Belgien haben wir das Glück exzellenter Schulen – das ist definitiv ein großer Bonus", sagt er. Und räumt ein, dass der Nachteil in Belgien immer schon die hohen Lohnkosten gewesen seien. "Und auch der Zugang zu Kapital. In letzter Zeit hat sich das aber gebessert." Vincke ist der Meinung, dass die belgische Regierung schon jetzt viel für die Games-Branche tut: "Sie setzt zahlreiche Anreize, die auf jeden Fall den Leuten in der hiesigen Industrie helfen. Auch größeren Firmen wie uns stehen etliche Arten der Unterstützung im internationalen Wettbewerb zur Verfügung." Beim Vergleich mit dem kanadischen Québec falle Belgien allerdings deutlich zurück: "Dort bekommen wir 37,5 Prozent Steuergutschrift. So etwas gibt es in Belgien nicht." Dass in Belgien verschiedene Sprachen gesprochen werden, sieht der Larian-Chef als Vorteil: "Selbstverständlich ist jede Form von moderner Games-Entwicklung eine multikulturelle Angelegenheit, bei der Menschen aus unterschiedlichen Ländern und mit unterschiedlichen Orientierungen zusammenarbeiten." Wer in Belgien aufwachse, lerne unterschiedliche Sprachen. "Ich glaube, dadurch fällt es einem leichter, mit anderen Kulturen zu interagieren", sagt Vincke.
Wie aber arbeitet ein Branchenverband in dem kulturell fragmentierten Land? Bernard François, Vorsitzender der Flemisch Games Association, gibt uns Auskunft: "FLEGA hat tatsächlich keine wallonischen Mitglieder. Die geographische Zuständigkeit von FLEGA beschränkt sich auf Flandern und Brüssel." Das habe vor allem praktische Gründe, so François: "Kulturförderung liegt in der Verantwortung der Regionen, nicht des Bundes. Die beste Herangehensweise der Games-Industrie ist folglich, Verbände für jede Region zu gründen, um das Klima für die Branche zu verbessern." Auf nationaler Ebene arbeite FLEGA allerdings eng mit dem wallonischen Pendant WALGA zusammen – etwa bei großen Events. "Außerdem ist ‚Belgien' als Marke deutlich stärker als ‚Flandern' oder ‚Wallonien'. Falls Sie das nicht glauben, besuchen Sie uns doch gerne bei der gamescom im August und trinken Sie ein belgisches Bier mit uns", fügt François verschmitzt hinzu. Na denn Prost! (feh)

Im abschließenden dritten Teil unserer Benelux-Reihe (IGM 03/2018) beschäftigen wir uns weiter mit der belgischen Entwicklerlandschaft – und mit der des kleinen Nachbarn Luxemburg.