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Magazin: interview

„2020 wird der Wahnsinn“

G2 eSports ist eines der erfolgreichsten eSports-Teams aus Europa. Beheimatet in Berlin, $160 Millionen wert, gerade erst Vize-Weltmeister geworden. CEO Carlos Rodríguez erzählt IGM, in welchen Branchen der eSports in Zukunft das meiste Geld verdienen wird, und wie er selbst G2 zu einer Milliarden-Dollar-Marke ausbauen will. 
IGM: Weltmeister in Dota 2, Vize-Weltmeister 2019 in League of Legends. G2 eSports ist enorm erfolgreich, eines der erfolgreichsten Teams Europas. Dennoch wirken die Spieler recht relaxt in Pressekonferenzen, machen ihre Scherze, und auch Sie als CEO reden oft Klartext, was unüblich ist in einer Welt, die sehr Sponsoren-getrieben ist. Wie kommt das?

Carlos Rodríguez: Wir sind wie Gladiatoren in der Arena, im antiken Rom. Man konnte einen Kampf verlieren und dennoch überleben – der Kaiser entschied mit einem Daumen nach oben oder unten über Leben oder Tod, was in der Regel stark davon abhing, ob sich die Massen in der Arena gut unterhalten fühlten. Das Geschäft des eSports ist nicht nur Sponsoren-getrieben, wir müssen auch Merchandising durchverkaufen und dafür braucht es loyale Fans. Wir tun alles dafür zu gewinnen, aber man muss auch realistisch sein – wir können nicht immer als strahlende Sieger vom Platz gehen. Aber wir können immer eine gute Show für die Fans abliefern. Dazu gehört auch, wenn es mal nicht so gut läuft, Autogramme zu geben, Selfies zu machen, für die Community da zu sein. Ich halte das für enorm wichtig, weil, wenn wir für sie da sind, sind sie es auch für uns. Und ganz ehrlich: Ich möchte Charaktere in meinen Teams haben – Menschen, die eine Meinung haben und die diese auch sagen. Niemand möchte diese gleichförmigen, nichtssagenden Interviews schauen, die wir mittlerweile aus dem Fußball gewohnt sind. Der eSports lebt von seiner Passion, und das ist gut so. Ich war auch als Spieler so, weil ich schnell gemerkt habe – das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass du den Leuten egal bist. Es wird dich nicht jeder lieben, aber jeder sollte eine Meinung zu dir haben.

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Es wird dich
nicht jeder lieben, aber jeder sollte eine Meinung zu
dir haben
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IGM: Ist diese Offenheit in Interviews auch wichtig, um neue Talente anzuwerben, schließlich ist der Markt umkämpft?

Carlos Rodríguez: Wer heute gut in League of Legends oder Dota 2 ist, der kann nach Asien oder in die USA gehen und eine Million mehr als bei uns verdienen. Und ja, das ist ein großer Faktor. Viele Spieler haben zahlreiche Angebote und entscheiden sich für uns, weil wir bekannt sind für diese Kultur. Weil ich als CEO auch mal Klartext rede, weil wir aber auch super viel rumalbern, Jokes reißen und mehr als eine Familie sind. Dieses Geschäft ist nicht einfach für diese sehr jungen Athleten, die oft mit 20, 21, vielleicht 22 um drei Millionen spielen. Oder gar um $30 Millionen, im Fall von The Invitational, dem größten Turnier der Welt in Dota 2. Ich versuche alles, um für eine lockere Atmosphäre zu sorgen und diesen Druck von ihren Schultern zu nehmen. Ich war lange genug selbst Spieler – ich war genauso jung, habe mit 20 meine erste Million verdient, war in einem Superbowl-Werbespot, aber hatte auch diese Last auf meinen Schultern, und ich versuche das zu tun, was ich mir damals von meinem Management gewünscht hätte.

IGM: Sprechen wir über Business. Wie kurbelt man Merchandising-Verkäufe an? Geht es dabei in erster Linie darum, neue Zielgruppen, etwa in Asien, zu erschließen? Oder dass die aktuelle Community mehr Geld ausgibt?

Carlos Rodríguez: Wir haben Profis aus der Sportwelt engagiert, die dieses Thema perfekt beherrschen. Zudem probieren wir viel aus und sind damit oft sehr erfolgreich. Mein Lieblings-Beispiel: Die meisten Teams haben nur ein Trikot, wir haben eines für jedes Land, wo wir Fans haben: Es gibt eine kanadische Version, eine für Brasilien etc. So kann die Community ihre Flagge mit dem Samurai verbinden, der unser Logo ziert. Ich komme aus Spanien – spielen wir in Barcelona, trägt jeder dieses Jersey, aber die meisten haben auch das Haupttrikot. Zwei Verkäufe sind besser als einer. Unser US-Trikot zum Beispiel ist ein Bestseller. Ansonsten haben wir eine sehr große Auswahl: vom Kuscheltier und Smartphone-Case bis hin zu wundervoll gearbeiteten Statuen und exklusivem Schmuck. Wir haben Shirts, um die 50 unterschiedliche Hoodies – jeweils einer für spezielle Events wie ESL One, The Invitational oder die League of Legends Worlds. Wir verkaufen auch Jogginghosen, und ich würde gerne G2-Schuhe designen, weil ich Sneaker liebe – mal schauen, wann das kommt.

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Dieses Geschäft
ist nicht einfach für diese sehr jungen Athleten
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IGM: Goldman Sachs rechnet in seinem neuesten Report mit $3 Milliarden globalem eSports-Umsatz im Jahr 2022. Halten Sie eine Verdreifachung des Marktes in drei Jahren für machbar?

Carlos Rodríguez: Wenn wir über Monetarisierung reden, dann kratzen wir erst an der Oberfläche. Louis-Vuitton ist Hauptsponsor der Weltmeisterschaft in League of Legends, Luxury-Fashion und Gaming werden enger zusammenwachsen. Sie tragen eine schöne Uhr, wir alle lieben Uhren – Tag Heuer, Montblanc – sie alle haben spezielle Formel-1-Editionen, warum nicht für den eSports? Wird alles kommen. Weil heute alle spielen: Fußball-Stars machen Tanz-Moves aus Fortnite, wenn sie gewinnen. Viele suchen nach lukrativen Investmentmöglichkeiten – Andre Gomes vom FC Everton ist zum Beispiel einer unserer Investoren. Riot Games hat gerade erst ein Musiklabel gegründet, die ESL ebenfalls eines mit Universal. Der eSports ist ein kulturelles Massenphänomen, wir werden eSports-Popstars erleben. Das ist kein Wunschdenken, man muss es nur umsetzen. Phoenix, der offizielle Song zu den League of Legends Worlds 2019 hat 30 Millionen Abrufe auf Youtube – bring das auf Spotify, und ein komplett neuer Markt wächst. Manchmal musst du die Dinge einfach machen und nicht zu lange konzipieren, sondern einfach launchen. Ich habe mit 25 meine Memoiren geschrieben, das Buch hat sich 100.000 mal verkauft. Der Buchmarkt ist einer, den wir im eSports noch nicht angegriffen haben. Und dann können wir gerne über Netflix, Amazon Prime, Disney+, NBC, Fox, all die TV-Sender in jedem Land reden – sie alle werden die eSports-Zielgruppe gewinnen wollen und entsprechende Angebote unterbreiten. Von den USA bis Dubai. Ich hatte gerade ein paar sehr, sehr spannende Meetings mit Hollywood. Aber ja: Mein Ziel ist es, dass G2 eSports in aller spätestens zehn Jahren eine Milliarde US-Dollar wert ist und daran müssen wir hart arbeiten.

IGM: G2 eSports hat auch einen ziemlich prominenten Coach und Mentor im Team für das Racing-Team: Fernando Alonso. Wie kam es dazu?

Carlos Rodríguez: Er ist nicht nur ein super sympathischer Typ, wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Er ist auch super smart und versteht, dass hier gerade der nächste Fußball, die nächste Formel 1 entsteht. Ich weiß, ich rede viel von den World Championships in League of Legends, aber 100 Millionen Zuschauer schauen das Finale. Da müssen wir mit Racing-Games erst noch hinkommen, aber das ist alles nur eine Frage der Zeit. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Le Mans – die Königs-klasse des Motorsports – mal eine eigene eSports-Liga starten würde? Unser gemeinsames Team heißt FA Racing eSports Logitech G und wir haben zusammen großartige Talente rekrutiert – aus der Welt des Gaming, aber auch aus dem realen Motorsport. Ich liebe diesen Mann einfach – Fernando und ich, wir sind beide Athleten. Wir hatten riesige Höhepunkte, aber auch Tiefschläge und haben nie aufgegeben. Unsere Persönlichkeit ist glaube ich sehr ähnlich – wir lieben die Show, aber wir liefern auch. Das ist etwas, was ich nie verstehen werde – ich treffe mich sehr regelmäßig mit den CEOs anderer großer Teams und super oft reden sie von großen Ideen, wo ich denke "Wow, das wird gigantisch" und dann ziehen sie es nicht durch. Menschen wie Fernando bringen natürlich nicht nur ihre Marke und Talent mit, sondern auch ein riesiges Netzwerk im Motorsport und gerade auch in der Mainstream-Presselandschaft, zu Lifestyle-Magazinen, zu Uhren-Herstellern etc.

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Manchmal
musst du die Dinge einfach machen
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IGM: G2 eSports ist von einer Villa in Spanien in ein neues Headquarter nach Berlin gezogen. Warum gerade Berlin?

Carlos Rodríguez: Berlin ist die Zentrale des europäischen eSports: Riot Games (League of Legends), Epic Games (Fortnite), Youtube, Twitch und andere haben dort ihre Europasitze. Also mal abgesehen davon, dass die City super cool und international ist. Deutschland spielt eine enorm wichtige Rolle für den eSports, nicht nur weil mit der ESL der größte Ligenbetreiber der Welt hier sitzt, sondern auch sehr viele Mega-Konzerne von Deutschland aus ihr Europa-Geschäft steuern: Logitech, Twitch, Google, Red Bull und natürlich die größten Autokonzerne. Ich bin ungefähr 60 Prozent hier, 40 Prozent in den USA.

IGM: Wie würden Sie einen Skeptiker zu einem überzeugten Fan des Ökosystems eSports machen? Nicht nur von der Gaming- & Fun-Seite, sondern als Business? Es gibt ja immer mal wieder Befürchtungen, dass der Markt dieses explosive Wachstum nicht halten kann.

Carlos Rodríguez: Wenn ich könnte, würde ich ihn mitnehmen nach Los Angeles, New York, Paris und Mailand. In diese geheimen Meetings mit CEOs, die man sonst nur aus dem Fernsehen, Vanity Fair oder GQ kennt und die mit uns zusammenarbeiten wollen. 2020 wird der Wahnsinn. (bk)